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Expedition Europa

Beim Beichten stehen wir uns Auge in Auge gegenüber

(c) imago images/Shotshop (Rico K�dder via www.imago-images.de)
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„Der Glaube kommt und geht in Wellen, im Moment geht's halt runter“, meint Matti Erkkilä. Unter Laestadianern im hohen Norden Finnlands.

Da wir Skandinavien für den progressivsten und säkularsten Teil Europas halten, konnte ich zunächst nicht glauben, dass besonders im hohen Norden eine strikt puritanische Erweckungsbewegung verbreitet sein soll. Ich wurde erst 2019 auf den Laestadianismus aufmerksam, als ein junger zugedröhnter norwegischer Terrorist, der wohl eine Zeit lang laestadianische Gottesdienste besucht hatte, zum Glück erfolglos die Moschee von Baerum attackierte. Laestadianer haben üblicherweise einen Haufen Kinder, lehnen nicht sakrale Musik, Make-up, Tanz und Alkohol ab. Früher waren diese konservativen Lutheraner – wie heutzutage fromme Iraner – am Fehlen von Krawatten zu erkennen. Überhaupt kann einen ihr Lebensstil an Muslime erinnern.

Lars Levi Laestadius (1800 bis 1861) war ein samisch-schwedischer Pastor, der Massen von Samen über Nacht vom Alkoholismus heilte. Heute ist die Bewegung in Finnland am stärksten, wo sie in die evangelische Staatskirche integriert ist. Zum letzten Jahrestreffen vor Corona kamen angeblich 80.000 Laestadianer. Das bedeutet, dass ihnen leicht zwei bis drei Prozent der finnischen Bevölkerung zuzurechnen sind.
Ich besuche eine ihrer drei Volkshochschulen Opisto. Der schmucklose Gebäudekomplex liegt hübsch hoch im Norden. Ausgerechnet in dieser unfruchtbaren Wald-See-Ebene, weit weg vom nächsten Dorf Reisjärvi, hat sich ein Bauer Kornfelder eingebildet, kleine gelbe mit erbarmungswürdig grünen Flecken drin, nur für Viehfutter wohl. Ich schmunzle in mich hinein, als ich im Opisto-Vorraum die ausgezogenen Schuhe sehe. Das kennt man von anderswo.