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Fords Strompremiere

Ford: John-Boy und John Walton, Sr.

In dieser Familie wird nicht gesoffen. Opa hat sich sogar das Rauchen abgewöhnt.

Im Kreis der Sammler ist das Manöver nicht unumstritten. Wer ein Auto, das Jahrzehnte, vielleicht hundert Jahre alt ist, restauriert, konserviert und verehrt wie ein Kunstwerk, für den steht ein Kriterium über allen anderen: die Nähe zum ursprünglichen Zustand. Erst recht gilt das für den Motor, schließlich das Herzstück eines Autos. Doch dann gibt es eine Gruppe von Enthusiasten, die sieht die Sache entspannter. Wie Mario Reitermayr, stellvertretend für eine weltweit wachsende Community, die sich für „Vintage Voltage“ begeistert: das Umrüsten von Klassikern auf E-Antrieb. Bei Mario musste schon der Zwölfzylinder aus einem Jaguar dran glauben, ebenso der Boxersechszylinder aus einem Porsche 911. Und nun ein Vierzylinder, der vor 91  Jahren in einem Detroiter Ford-Werk in das Chassis eines 1930er Model A montiert wurde.

Für Oldie-Fans der alten Schule eine Gräueltat. Für Mario dagegen ein Ausbruch aus der abgelaufenen Ära des Verbrenners, von dem nichts mehr zu erwarten sei. Und nebenbei eine Methode, seine Autos noch lang fahren zu können, überall, wo er möchte. Für Mario ist es eine Wette auf die Zukunft: „Welcher alte Jaguar oder Ford wird in 20 Jahren noch in Städten fahren dürfen?“ Dieselfahrverbote gibt es heute schon, und in immer mehr Städten werden für Verbrenner geltende Fahrbeschränkungen ausgeweitet.

Mario ist 44 und hat als Mechatroniker in der Prozessleittechnik bei der Voest in Linz gearbeitet, bis er sein Hobby zum Beruf und sich in einem Gewerbegebiet in Ottensheim nahe Linz selbstständig gemacht hat. Da hatte er schon mehrere Fahrzeuge auf zwei und vier Rädern elektrifiziert. Einen Ford Focus und einen Porsche 911, beide günstig mit Motorschaden erworben und danach mit E-Antrieb in Dienst gestellt, den Ford als Alltagsauto („Meine Frau war seit Jahren auf keiner Tankstelle mehr!“). Ein VW Touran. Ein alter Land Rover Defender, der sich als bislang schwierigster Patient erwies („Einfach keine effiziente Gesamtkonstruktion“).

Ausgedient: Der Vierzylinder wurde vor 91 Jahren bei Ford in Detroit montiert.

Der Ford ist der bislang älteste Patient in Marios Rehaklinik. Kinder der Siebziger kennen ihn aus den „Waltons“: Das Oberhaupt der Farmerfamilie aus Virginia fuhr die Lkw-Version Model AA. Wer sich an schießwütige Gangster in „Chicago 1930“ erinnert fühlt: Als Baujahr ist die Jahreszahl korrekt, nur ist Detroit der Schauplatz von Amerikas automobiler Frühzeit gewesen. Mit dem Model T startete Henry Ford 1914 die Fahrzeugproduktion am Fließband, was ein konkurrenzlos günstiges, robustes und zuverlässiges Auto in großen Stückzahlen auf die (größtenteils unbefestigten) Straßen brachte. Bis 1927 waren 15 Mio. Stück davon gebaut worden.

Mit dem Model A (1928–31) kam der umfangreich verbesserte Nachfolger, man erkennt ihn gleich an der Farbe. War Schwarz für das Model T noch die einzige Option gewesen, so konnte das neue Modell auch einen rot lackierten Aufbau tragen – wie Marios Exemplar. Plus: Das Model A ist bereits mit Bremsen an allen vier Rädern ausgestattet, für Mario doch ein bedeutender Vorteil gegenüber dem Model T, das noch über die Kardanwelle gebremst hat. Das Model A war Henry Fords zweiter Bestseller.

(c) Juergen Skarwan

Den Wirkungsgrad des originalen, knapp 40  PS starken 3,3-Liter-Vierzylinders beschreibt er als „Heizung mit nebenbei Antrieb“. Er wog 195  Kilogramm, fünf weniger als die Batterie, die Mario nun implantierte. Dazu kommen Elektromotor und Regler mit zusammen etwa 70  kg Gewicht. Mit 28  kW Dauer- und 45  kW Spitzenleistung ist das Auto nun flotter, spritziger unterwegs als in seinem ersten Leben, und die ganze Schaltarbeit von früher entfällt: Das Drehmoment des E-Motors ist ausreichend hoch, um allein mit dem dritten Gang des ansonsten original belassenen Getriebes auszukommen. Mario rüstete noch das Bordsystem von sechs auf 12 Volt um (knifflig: damit die originale Hupe mit ihrem typischen Oldie-Klang zu betreiben, aber es gelang), und sein ältester Sohn, ein angehender Ingenieur, besorgte einen nostalgischen Spezialeffekt: Bevor der alte Motor verabschiedet wurde, nahm er noch dessen typisches Tuckern auf. Das kann man nun per Knopfdruck über Außenlautsprecher abspielen, womit auch einer gesetzlichen Vorschrift genüge getan wäre. Wo bekommt man eigentlich Akkus für Umbauten her? Aus dem Geschäft jedenfalls nicht. Mario hat sie aus Unfallautos, etwa BMW i3 oder Tesla. Die Entnahme aus einem Model S spendet dem Ford den Energiespeicher, womit sich ein weiterer Kreis schließt: Der Veteran stammt aus Kalifornien, Teslas Heimat.

Auch der historische Mustang ist US-Motor-Folklore pur. Nicht nur, weil ein Mustang als Dienstwagen von Lieutenant Frank Bullitt (Steve McQueen) Filmgeschichte schrieb. Auch, weil dieser Motown-Veteran ein paar Jahre lang das meistverkaufte Auto der Vereinigten Staaten überhaupt war, dermaßen war das Konzept des gut leistbaren Sportcoupés eingeschlagen. Auch der Begriff Mach (für Schallgeschwindigkeit) stammt aus den Heldentagen. Er bezeichnete eine frühe Performanceversion mit V8 (während das Urpony ja mit bravem Sechszylinder auf den Markt gekommen war). Der Mustang ist übrigens heute noch oder wieder erfolgreich unterwegs und beansprucht zeitweise den Titel des weltweit meistverkauften Sportwagens für sich.
Der Mustang Mach-E stammt freilich aus einer anderen Zucht, rein elektrisch und in Gestalt eines Crossover, also SUV-artig. Dass die Motor Company begrifflich auf die Trophäensammlung der Marke zurückgegriffen hat, unterstreicht die Bedeutung des Modells. Es galt zu beweisen, dass nicht nur Tesla Elektroautos bauen kann.

Der Mustang Mach-E ist eine beeindruckende Premiere. Dem SUV-artigen Aufbau ist mit ein paar kräftigen Faltenwürfen die typische Mopsigkeit genommen, es gibt sogar Powerdomes auf der Motorhaube, unter der hier freilich keine Zylinderköpfe Platz finden, sondern ein Gepäckabteil für den Wust an Kabeln, den BEVs gern mit sich führen. Auffallend das gelungene Packaging des Autos, das bei 4,7  Metern Außenlänge auf einen fürstlichen Radstand von drei Metern kommt.

Spezialeffekt: Das typische Tuckern kommt jetzt vom Band.


Hat Tesla die versenkbaren Türgriffe populär gemacht, überrascht der Ford mit aerodynamisch günstigen Finnen an den vorderen Türen, die als Griffe dienen. Zum Öffnen drückt man ein Knöpfchen, woraufhin die Tür aufspringt. Zwei Batteriegrößen stehen zur Auswahl, wir haben die größere mit 88 nutzbaren Kilowattstunden genommen, sie ist beim Modell mit Heckantrieb für eine WLTP-Reichweite von 610 Kilometern gut.
Wien–Linz und retour, so viel haben wir am Stück erprobt, ist drin, so man im Bereich der erlaubten Höchstgeschwindigkeit bleibt, Minusgrade unberücksichtigt. An der Ladesäule nimmt der Mustang bis zu 105 kW, womit man in 15 Minuten fit für eine weitere längere Etappe ist.
Den sauber gefertigten Innenraum dominiert ein großes hochformatiges Display, auf dem sich ein neues, endlich auch flottes und intuitives Bordsystem entfaltet, man dankt für den massiv ausgeführten Ring darauf zur manuellen Einstellung der Lautstärke. Das bisschen Analoge macht Freude.

Der Mustang Mach-E ist ein großer, geräumiger Gleiter, der flotten Kurvenfahrten nicht abgeneigt ist, seine Thrills aber primär beim Zwischenbeschleunigen entbietet – nicht so, dass Ohnmacht droht, aber elektrotypisch saftig und ansatzlos. Für mehr Power gibt es die Allradversion und kommend eine muskulöse GT-Variante. Momentan ist Verfügbarkeit das erste Thema, denn wer im Lagerbestand nichts findet, muss mit sieben Monaten Lieferzeit rechnen.

Einen besseren E-Sound hätten wir uns gewünscht, auf dem Gebiet wird anderswo ja schon viel geboten. Klingt verrückt, aber ein guter Soundtrack kann einem sonst nahezu lautlosen Elektroauto sehr gut anstehen. Der Mustang wäre prädestiniert für eine knackige Elektrosuite, eingespielt auf einer Fender oder Gibson. Leider weilt Eddie Van Halen seit dem Vorjahr im Himmel der großen E-Guitarreros, er wäre passend gewesen.

Let there be rock, Ford!

(c) Juergen Skarwan

Familie Walton lässt grüßen

In einer Folge kauft John-Boy Walton dem Nachbarn das Auto ab – exakt ein solches Modell.

Name : Ford Model A
Baujahr : 1930
Antrieb : PSM an der Vorderachse
Leistung : 45 kW Peak, 28 kW Dauer
Gewicht : n/a
0–100 km/h : So schnell wird er kaum
Vmax : 100 km/h mit Anlauf
Verbrauch : ca. 16 kWh/100 km
Reichweite : ca. 150 km

(c) Juergen Skarwan

Fords Strompremiere

Erweitert das Elektrospielfeld: Versatiler, gelungener Crossover mit optional mächtiger Batterie.

Name : Ford Mustang Mach-E
Preis : 55.600 Euro (Extd. Range)
Antrieb : PSM an der Hinterachse
Leistung : max. 216 kW (294 PS)
Gewicht : 2111 kg
0–100 km/h : 6,2 Sekunden
Vmax : 180 km/h
Verbrauch : 17,5 kWh im Test
Akku/RW : 98,8 kWh/610 km nach Norm