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USA: Viel tiefer geht es nicht mehr im Wahlkampf

Viel tiefer geht nicht
(c) AP (Gretel Daugherty)
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Ein Demokrat nennt Konkurrentin Meg Whitman "Hure", Republikaner Carl Paladino unterstellt seinem Gegner Affären, die Tea Party agiert überhaupt hemmungslos: ein Kongresswahlkampf unter der Gürtellinie.

Washington. Rand Paul war so erbost über die Attacke seines Kontrahenten, dass er ihm am Ende der TV-Konfrontation den obligaten Handschlag verweigerte. In einstudierter, theatralischer Pose schleuderte der Republikaner seinem demokratischen Gegenkandidaten die rhetorische Frage entgegen: „Jack, hast du denn keinen Anstand, hast du kein Schamgefühl?“ Das Wahlkampfteam Jack Conways hatte eine Jugendsünde Pauls aus den 1980er-Jahren ausgegraben und die Episode aus dessen College-Zeit in einem TV-Spot ausgeschlachtet.

Als Mitglied der Geheimgesellschaft „NoZe Brotherhood“ an der Baptisten-Universität Baylor in Texas, die Religion verhöhnte, hatte er einer Freundin einen üblen Streich gespielt. Die Gruppe um Paul entführte die Frau, fesselte sie und zwang sie, „Aqua Buddha“ – einer fiktiven Gottheit – zu huldigen. „Die ganze Sache ist aus dem Ruder gelaufen“, erzählte die Frau jetzt. Sie habe danach mit Paul gebrochen. Inzwischen geriert sich der Augenarzt Rand Paul, ein Kandidat der radikalen Tea-Party-Bewegung und Sohn des republikanischen Politikers Ron Paul, als gläubiger Presbyterianer.

Im Senatswahlkampf in Kentucky galt Paul als Favorit. Selbst Parteifreunde sehen den Angriff als verzweifelten Versuch Conways, die Stimmung zu drehen. Die große Frage: Werden sich die Wähler in Kentucky, das im „Bibelgürtel“ der USA liegt, von der Enthüllung beeinflussen lassen? Den Bewohnern Kentuckys, so der demokratische Stratege Paul Begala, seien drei Dinge heilig: „Bluegrass, Bourbon und Baby Jesus.“

Viagra für Vergewaltiger?

Schmutzige Wahlkämpfe sind in Demokratien nichts Neues. Doch das „Dirty Campaigning“ vor den Kongresswahlen am 2. November stößt nach Ansicht von US-Experten in neue Dimensionen vor. Besonders bitter wird die Auseinandersetzung in Nevada geführt. Der Demokrat Harry Reid und seine Herausforderin Sharon Angle überziehen einander mit Negativinseraten. Von früh bis spät, monieren die Wähler in Las Vegas, würden sie mit Untergriffen bombardiert. Dreist behauptet Angle, ein Darling der Tea-Party-Anhänger, das Stimulus-Programm der Regierung würde Vergewaltiger mit Viagra versorgen.

Nicht minder diffamierend geht es im Nachbarstaat Kalifornien zu. Da spottet die republikanische Kandidatin Carly Fiorina, Ex-Chefin des Computerriesen Hewlett Packard, über die Frisur ihrer demokratischen Gegenkandidatin Barbara Boxer. Gar nicht als Gentleman gab sich Ex-Offizier John McCain als Wahlhelfer Fiorinas. In einer Tirade fiel er über seine liberale Senatskollegin Boxer her: Die Zusammenarbeit mit der Gegnerin des Irak-Kriegs sei ein einziges Missvergnügen gewesen.

Der Gouverneurswahlkampf im Golden State hat noch andere „Feinheiten“ zu bieten. Am Telefon bezeichnete ein Wahlhelfer des Demokraten Jerry Brown dessen Konkurrentin Meg Whitman als Hure – was Whitman wiederum als Attacke gegen die Frauenwelt Kaliforniens verstanden wissen wollte.

Journalist in Handschellen gelegt

In New York wiederum schreckt der republikanische Außenseiter Carl Paladino vor fast nichts zurück. Er beflegelte seinen Gegner Mario Cuomo im Rennen ums Gouverneursamt, unterstellte ihm Affären – die er samt unehelicher Tochter allerdings selbst unterhielt – und legte sich durch homophobe Äußerungen mit Schwulenverbänden an. Er drohte, mit dem Baseballschläger in der Hauptstadt Albany aufzuräumen, und er packte einen Reporter der „New York Post“ beinahe an der Gurgel.

Joe Miller, dem von Sarah Palin und der Tea Party unterstützten Senatskandidaten der Republikaner in Alaska, blieb es indes vorbehalten, einen unliebsamen Journalisten von Bodyguards in Handschellen abführen zu lassen – bis die Polizei ihn aus der Zwangslage befreite. Miller war es auch, der die Berliner Mauer als effizienten Schutz vor Eindringlingen von außen pries: „Was die Ostdeutschen konnten, das können wir auch.“

Auf einen Blick

Die Zwischenwahlen zum US-Kongress finden etwa zur Halbzeit einer Präsidentschaft statt. Am 2. November werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 37 der 100 Sitze im Senat neu vergeben. Gewählt werden auch zahlreiche Gouverneure und Parlamente in Bundesstaaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2010)