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„Schachnovelle“ im Kino

Trotz Schach geht hier die Welt unter

Nur anfangs benötigt der Gestapo-Häftling Bartok (Oliver Mastucci) seine Figuren aus Brotkrümeln – bald genügt ihm das Schach im Kopf.
Nur anfangs benötigt der Gestapo-Häftling Bartok (Oliver Mastucci) seine Figuren aus Brotkrümeln – bald genügt ihm das Schach im Kopf.(c) Constantin / Presse Print
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Philipp Stölzls „Schachnovelle“ ist atmosphärischer Kostümfilm und düstere Psychostudie: eine kongeniale Zweig-Verfilmung mit imposantem Hauptdarsteller und still-starker Minichmayr.

Ein Schachbrett, das sich dreht, Herzschläge, ein Auge, das die Kamera füllt, ein Murmeln: Bauer C3 auf C4 . . . So stimmt „Nordwand“-Regisseur Philipp Stölzl einen kurz auf das Kommende ein – bevor er unvermittelt dort beginnt, wo Stefan Zweig erst in der Hälfte seiner „Schachnovelle“ ankommt: der Inhaftierung der Hauptfigur, eines angesehenen Wiener Anwalts.

Schwer zu verfilmen ist Zweigs kurze Erzählung über einen Mann, der sich in der Isolationshaft durch die Gestapo mittels Kopf-Schach vor dem Wahnsinn rettet. Denn bei Zweig nimmt die später spielende Rahmenhandlung den meisten Raum ein. Ausführlich serviert ein schiffsreisender Erzähler darin den Lesern die Geschichte eines mit ihm an Bord befindlichen Schachweltmeisters. Erst nach Längerem kommt die Hauptperson ins Spiel, sie mischt sich in eine aussichtslos scheinende Schachpartie ein, erzwingt gegen den Weltmeister ein Remis – und erzählt danach dem Erzähler, wie sie zu ihren Schachkünsten kam: „eine ziemlich komplizierte Geschichte“ zu „unserer lieblichen großen Zeit“. PS: Einen Tag nach der Abgabe des „Schachnovelle“-Manuskripts beging Zweig mit seiner Lebensgefährtin Suizid.

Im Geist der „Welt von Gestern“

Es sind nur wenige Seiten, auf denen Zweig seinen Dr. B von der Haft erzählen lässt. Stölzl füllt dieses karge Gerüst stimmungsvoll im Geist von Zweigs „Die Welt von Gestern“ auf. Sein Josef Bartok, gespielt von Oliver Masucci, ist allerdings nicht der bescheidene, von österreichischem Beamtenethos erfüllte Anwalt, als der er bei Zweig erscheint. Schon äußerlich ist er eine imposante Erscheinung. Von unerschütterlicher Selbstsicherheit, repräsentiert er das Lebensgefühl einer alten, sich unangreifbar fühlenden patriotischen Elite.

Gemeinsam mit seiner Frau, Anna (Birgit Minichmayr), verkehrt er in der Wiener Hautevolee. Es ist der 11. März 1938: Man tanzt Walzer, reißt Goebbels-Witze, schlägt Warnungen in den Wind und vertraut darauf, dass „am Sonntag der Spuk vorbei“ ist – die Österreicher werden bei der Volksbefragung gegen den „Anschluss“ stimmen.

Noch als Bartok gleich darauf in Handschellen in das von der Gestapo besetzte Hotel Metropol geführt wird, lacht er den Nazis ins Gesicht. Doch schlagartig verengt sich der Schauplatz auf ein dunkles Hotelzimmer. Stölzl gelingt der schwierige Spagat zwischen Kostümfilm und Psychostudie. Der rhythmisch stringent durchkomponierte Film wechselt zwischen Schifffahrt und Gestapo-Haft, hält diese Teile durch homogen düstere Bildsprache und kaum je nachlassende pulsierende Spannung zusammen.

Wie filmt man die monatelange innere Zerrüttung eines Mannes allein in einem Zimmer – wo ja das einzig Aufregende im Kopf des Protagonisten passiert? Das gelingt vor allem dank Oliver Masucci als großartigem, auch im (äußerlichen) Nichtstun raumgreifendem Hauptdarsteller. Dazu kommen dezente inhaltliche Zusätze. So setzt Stölzl ein NS-Gegenüber (Albrecht Schuch) als Bartoks persönlichen Widerpart in Szene: Die Haft wird so auch zum inneren Duell.

Zwei unnötige Horrorszenen

Der Film erlaubt sich aber auch zwei Horrorszenen: ein Waterboarding in der Badewanne und die Erschießung eines Freundes vor Bartoks Augen. Stölzl bricht hier plötzlich mit dem Konzept des Originals, die Folter und die Flucht daraus im Geistigen zu belassen. Zwar wird es in dieser Phase des Films wirklich dringend, wieder der Monotonie der Zimmerhaft zu entgehen. Doch gerade in dieser unmotiviert wirkenden Drastik packt einen so richtig die Langeweile. Höchste Zeit, zurückzukehren – aufs Schiff.

Dort befindet sich auch die bei Zweig inexistente Ehefrau Anna, was stille, starke Auftritte Birgit Minichmayrs ermöglicht. Sie geht mit ihrem Mann an Bord, ist später plötzlich verschwunden, taucht in der letzten, in den USA spielenden Szene noch einmal auf: ein Twist des Regisseurs, eine Falle für den Zuseher, das sei hier verraten.

Fieberwahn auf dem Schiff

In diesen Schiffsszenen konvergieren Kostümfilm und Psychothriller. Anders als in der Novelle beschränkt sich Bartoks fiebrige Verwirrung nämlich nicht auf die Endszene. Was ist hier real, wo brechen sich Wahnvorstellungen der Hauptfigur Bahn? Das ist nicht immer klar, die Realität steht stets auf der Kippe. In den Schachpartien kulminiert die Spannung, und schmerzlich fühlbar macht der Film dabei die Kluft zwischen dem Traumatisierten und den restlichen Passagieren. Ein hünenhafter Amerikaner personifiziert die ahnungslose Gesellschaft. Prächtig spielt der Schwede Rolf Lassgard, bekannt als Darsteller von Mankells Kommissar Wallander, den Mix aus wohlwollender Jovialität und (ungewollt) grausamer emotionaler Ignoranz.

Mehr Mut zur Kürze hätte diesem zwei Stunden langen Film die Bewältigung des schwierigen Stoffs erleichtert. Und doch – es ist eine kongeniale Zweig-Verfilmung. Beklemmend führt sie vor Augen, wie ein Mann mit der Kraft des Geistes der Unterdrückung entkommt – und wie er letztlich doch an diesem Sieg zugrunde geht.


[RT9BK]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2021)