Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der ökonomische Blick

Ist das österreichische Arbeitslosengeld zu großzügig?

THEMENBILD ãARBEITSMARKTSITUATIONÒ
APA
  • Drucken
  • Kommentieren

Wie lassen sich arbeitslose Personen am schnellsten auf die freien Stellen vermitteln? Überlegungen zu einer Reformen des Arbeitslosenversicherungssystems.

Der mit dem Ende der pandemiebedingten Einschränkungen einsetzende wirtschaftliche Aufschwung in Österreich ist von einem starken Rückgang der Arbeitslosigkeit und gleichzeitigem Anstieg an offenen Stellen begleitet. Die Frage wie sich arbeitslose Personen am schnellsten auf diese Stellen vermitteln lassen wirft Diskussionen zu Reformen des Arbeitslosenversicherungssystems auf.

In allen OECD Staaten gibt es eine staatliche Arbeitslosenversicherung mit dem Ziel Einkommenseinbußen durch Arbeitsplatzverluste auszugleichen. Die optimale Gestaltung des Systems beruht auf einem Spagat zwischen Versicherungsleistung und negativen Anreizen zur Arbeitsplatzsuche, dem sogenannten Moral Hazard. Ist das österreichische Arbeitslosengeld also zu großzügig oder könnten die Anreize besser gesteuert werden zum Beispiel durch eine Verringerung des Arbeitlosengeldes mit der Arbeitlosigkeitsdauer?

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

>>> Alle bisherigen Beiträge

Um diese Fragen zu beantworten, sollten neben traditionellen ökonomischen Modellen auch die spezifischen Eigenschaften des Arbeitsmarktes berücksichtigt werden. Eine Besonderheit des österreichischen Arbeitsmarktes ist der dynamische Wechsel zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung. So waren im Jahr 2019, ähnlich wie in anderen Jahren vor der Krise, 22 Prozent der für unselbständige Beschäftigung zur Verfügung stehenden Personen mindestens einen Tag lang arbeitslos, während die Arbeitslosenquote zu einem beliebigen Zeitpunkt nur 7,4 Prozent betrug. Die durchschnittliche Arbeitslosigkeitsdauer war 18 Wochen und ein Großteil der Arbeitslosen kehrte nach weniger als drei Monaten wieder auf einen Arbeitsplatz zurück.

Temporäre Arbeitslosigkeit und Wiedereinstellung

Hinter dieser Dynamik steckt ein System von temporärer Arbeitslosigkeit und Wiedereinstellung beim gleichen Dienstgeber, bekannt durch starke saisonale Nachfrageschwankungen im Bausektor und Tourismus, das aber weit darüber hinaus verbreitet ist. Schon bei der Anmeldung für AMS Services werden die Arbeitssuchenden nach dem Vorliegen einer unverbindlichen Einstellungszusage eines Dienstgebers mit geplantem Einstellungsdatum gefragt. Das System bietet für die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite Vorteile, Ersparnis von Lohnkosten und geringer Suchaufwand, und Risiken, falls Arbeitskraft oder Arbeitsplatz nicht mehr benötigt werden.

In Österreich haben etwa 40 Prozent der Neueintritte aus Beschäftigung in Arbeitslosigkeit eine Wiedereinstellungszusage mit geplantem Einstellungsdatum. Innerhalb eines Jahres kehren rund 57 Prozent dieser temporären Arbeitslosen wieder zum vorherigen Dienstgeber zurück, während 24 Prozent einen neuen Arbeitgeber finden. Auch von den Arbeitslosen ohne Einstellungszusage kehren 19 Prozent wieder zum vorigen Arbeitgeber zurück.

Es liegt nahe zu vermuten, dass das Suchverhalten der temporären Arbeitslosen mit Rückkehrerwartung sich fundamental von dem gängigen Modell unterscheidet und weit weniger von den Anreizwirkungen der Arbeitslosenversicherung geleitet ist. In der Tat zeigen die Daten, die in einer neuen Studie von Arash Nekoei und mir ausgewertet wurden, wesentlich kürzere Arbeitslosigkeitsdauern unter den temporären Arbeitslosen und eine Konzentration von Arbeitsaufnahmen in der Woche des geplanten Einstellungsdatums (siehe Grafik 1). Die temporären Arbeitslosen scheinen sich also auf den vorherigen Arbeitgeber zu verlassen.

Grafik 1
Grafik 1

Dass diese Strategie aber auch schief gehen kann, zeigt die zweite Grafik. Hier wird dargestellt wie sich der Lohnunterschied zwischen den Jobs vor und nach der Arbeitslosigkeit mit dem Datum der Arbeitsaufnahme verändert. Während Rückkehrer zum vorigen Arbeitsplatz leichte Lohnzuwächse unabhängig vom tatsächlichen Einstellungsdatum verzeichnen, müssen Arbeitslose die bis zum geplanten Einstellungsdatum noch keinen neuen Dienstgeber gefunden haben mit einem starken Lohnrückgang rechnen.

Grafik 2
Grafik 2

Was sind die Implikationen auf potenzielle Reformen des Arbeitslosengeldes? Ein degressives Modell, das das Arbeitslosengeld am Beginn relativ zum bisherigen Niveau anhebt, um es mit der Dauer der Arbeitslosigkeit unter dieses Niveau zu senken, sollte Anreize zu möglichst frühzeitigen Arbeitsaufnahmen setzten. Im österreichischen Arbeitsmarkt mit dem hohem Anteil an temporären Arbeitslosen mit Einstellungszusage, würde es aber zu bedeutenden Mehrausgaben führen und zu Mitnahmeeffekten unter Betrieben die stark auf temporäre Arbeitslosigkeit ausgerichtet sind.

Ein progressives Modell, das mit einem niedrigen Arbeitslosengeld startet und es mit der Dauer der Arbeitslosigkeit erhöht, hätte dagegen bessere Chancen die Mittel zu den Arbeitslosen zu bringen die sich ernsthaft nach einem neuen Arbeitgeber umsehen müssen und die exzessive Verwendung der temporären Arbeitslosigkeit unter Betrieben zu vermeiden.

Die Autorin

Andrea Weber ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Central European University und Konsulentin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), Wien. Ihre primären Forschungsgebiete sind Arbeitsmarktökonomie und angewandte Mikroökonometrie.

Andrea Weber
Andrea WeberNOeG

Weiterführende Informationen:

Nekoei, Arash und Andrea Weber, Seven Facts about Temporary Layoffs, CEPR Discussion Paper 14845, June 2020.

Lindner, Attila und Balázs Reizer, Frontloading the Unemployment Benefit: An Empirical Assessment, American Economic Journal: Applied Economics, Vol. 12 No. 3 July 2020.

Kolsrud Jonas, Camille Landais, Peter Nilsson and Johannes Spinnewijn, The Optimal Timing of Unemployment Benefits: Theory and Evidence from Sweden, American Economic Review 108(4-5), 985-1033. April 2018.

Mehr erfahren

Der ökonomische Blick

Warum ein EU-weites Vermögensregister unabkömmlich ist

Der ökonomische Blick

It’s Baaack: Die Inflation ist zurück

Der ökonomische Blick

Klimaneutralität ist eine Chance für Europa

Der ökonomische Blick

Wie sich die Uni-Reform auf Nachwuchswissenschaftler auswirkt

Der ökonomische Blick

Die fragwürdige Verwendung der Arbeitslosenversicherung

Der ökonomische Blick

Große Transformation, auf die wir uns freuen können

Der ökonomische Blick

Die Zahlen steigen wieder: Eine Zwischenbilanz

Der ökonomische Blick

Die globale Mindeststeuer