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Kommentar

Papst Franziskus geht aufs Ganze

Italy, Rome, Vatican, 21/09/23 . Pope Francis celebrates Mass within the Plenary Council of the European Bishops Confere
Italy, Rome, Vatican, 21/09/23 . Pope Francis celebrates Mass within the Plenary Council of the European Bishops Confere(c) imago images/Independent Photo Agency Int. (VATICAN POOL /CPP / IPA via www.imago-images.de)
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Das Oberhaupt der Katholiken plant nicht mehr und nicht weniger als die Abkehr vom starren römischen Zentralismus. Mit seinem weltweiten synodalen Prozess, der in Kürze startet, geht er ein hohes Risiko ein. Gelingt ihm sein Vorhaben, stellt Papst Franziskus die Kirche auf den Kopf. Scheitert er, müsste er sich eigentlich an seinem Vorgänger Benedikt ein Vorbild nehmen – und zurücktreten.

Papst Franziskus will es wissen. Er startet ein Vorhaben, das für die Zukunft der katholischen Kirche und der Beurteilung seines gesamten Pontifikats entscheidend sein wird. Sehr gut möglich, dass es seine wichtigste Unternehmung ist, die er der – aus unterschiedlichen Gründen – wenig begeisterten Kirche abnötigt. Man könnte auch von einem Lackmustest für Papst Franziskus sprechen, wenn er in Rom am 10. Oktober eine zwei Jahre dauernde Weltsynode einläuten lässt.

Wobei der Begriff Weltsynode so ja gar nicht stimmt und kirchenrechtlich betrachtet Unfug ist. Der Chef verordnet seiner Institution einen synodalen Prozess über die Frage synodaler Prozesse, der im Herbst 2023 in eine echte Synode, eine Bischofssynode, mündet. Man kann das bizarr, gar komisch finden. Leicht zu vermitteln ist es Heutigen nicht.
Was will er, der Papst? „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“, lautet der wenig aufschlussreiche Titel der Veranstaltung. Daher noch einmal: Was will er, der Papst? Jedenfalls keine Kirchenparlamente, in denen über den Kurs abgestimmt wird. Keine verkopften Debatten, keine dicken theologischen Papiere. Was will er dann? Einen Prozess anstoßen, gegründet auf Gebet und Meditation, der zu einem gemeinsamen Nachdenken von Geweihten und „Nur“-Getauften über ein zeit- sowie (vor allem!) evangeliumsgemäßes Miteinander in der Kirche führt. So weit so viel- oder zunächst nichtssagend.

Apropos verkopft – Blick nach Deutschland, sehr aktuell: Dort hat sich die katholische Kirche völlig verrannt. Kräfte des Bewahrens und Reformierens stehen einander im Land der Reformation krass gegenüber wie nirgendwo. Deren Synodaler Weg mit kontroversiellen Themen wie Stellung der Frauen und Macht in der Kirche wird in wenigen Tagen fortgesetzt. Er wurde vom Papst persönlich mehrfach eingebremst. In den vatikanischen Dikasterien geht die Furcht vor einer Kirchenspaltung um. Auf Druck Roms hat die Bischofskonferenz erst am Freitag vor Irrwegen gewarnt. Die Bischöfe geben ein klägliches Bild ab: Gespalten, durch späte Aufarbeitung von Missbrauchsfällen geschwächt, von Laien und Medien getrieben. Zu allem Überdruss hat Papst Franziskus am Freitag den konservativen Hardliner Kardinal Rainer Maria Woelki für einige Monate wegen schwerer Fehler bei der Missbrauchsaufarbeitung kurzerhand beurlaubt.

Zurück zur Synode über Synodalität. Das wird kein Update, das wird ein neues Betriebssystem für die katholische Kirche: Sagt der seriöse Chefredakteur der seriösen Katholischen Presseagentur, Paul Wuthe. Die Erfahrung sagt: Das wird nicht leicht. Papst Franziskus will nicht weniger als die Abkehr vom Zentralismus. Er nimmt viel Risiko. Hat er Erfolg, stellt er die Kirche auf den Kopf. Scheitert er, könnte es bald zwei emeritierte Päpste geben.

dietmar.neuwirth@diepresse.com