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Stadtbild

Mid-Century in Wien: Blick zurück mit Sympathie

Licht streuende Betonwand in der Don-Bosco-Kirche, von Erwin Hauer, 1954.(c) Stephan Doleschal
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Das Buch „Mid-Century Vienna“ zieht bildlich und textlich eine besondere Zeitschicht aus der Stadtgeschichte Wiens.

Mitte des letzten Jahrhunderts: Da hatte die Gesellschaft schon einiges hinter sich. Sich umdrehen und rückwärts schauen war nicht das beliebteste Manöver. Eher weit vorausblicken war angesagt. Wenn auch durchaus noch etwas verhalten. Verunsichert von all den Erfahrungen zuvor war man ja doch. Die Bomben hatten einiges an Vergangenheit aus der Stadtstruktur Wiens gelöscht, jetzt war es Zeit für Zukunft. Und in diese Richtung fuhr man mindestens mit dem Auto. Auch Parkgaragen haben nach dem Krieg noch baukulturelles Erbe zerstört. Doch die 1950er- und 1960er-Jahre haben auch einiges baulich und gestalterisch bis heute hinterlassen. Verkehrsinfrastruktur etwa, wie das „Jonas-Reindl“ oder die Opernpassage, schließlich mussten die Fußgänger an der Oberfläche Platz machen für die Autos.

Auch öffentliche Bauten markieren im Stadtbild eine Ära, in der Fortschritt noch wie ein Versprechen klang. Dazu ebenso Kulturbauten wie das heutige Belvedere 21, das ursprünglich der Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel war. Oder die sozialen Wohnbauten, die sich großflächig auf die Bezirke verteilten, um die Wohnungsnot abzufedern. Für manche architektonischen und ästhetischen Qualitäten war man danach lange Zeit blind. Erst im letzten Jahrzehnt hat das „Mid-Century“ vehement Sympathien zurückgewonnen. Seine Formensprache, gestalterischen Elemente, manche Materialien und Farbschemata haben sich schließlich so sehr zu einem gestalterischen Kanon verdichtet, dass man ihn auch heute noch ganz leicht über den Designmainstream in den Möbelshowrooms abrufen kann. 

Die Aula der Hans-Radl-Schule, von Viktor Adler im Jahr 1959 erbaut.
Die Aula der Hans-Radl-Schule, von Viktor Adler im Jahr 1959 erbaut.Stephan Doleschal


Tom Koch hat sich seit über einem Jahr intensiv auf diese Zeitschicht Wiens eingelassen und mit dem Fotografen Stephan Doleschal fast 100 Orte besucht, an denen das „Mid-Century“ ästhetisch und funktional noch in die Gegenwart wirkt. So deutlich wie die Wiener Stadthalle, so offensichtlich wie der Zuschauersaal des Gartenbaukinos oder das Interieur des Café Prückel. So beiläufig wie manche Stadtmöbel und Haltestellenhäuschen. So nostalgisch verklärt wie das städtische Strandbad Alte Donau. Oder auch so unbekannt wie die Minigolfanlage am Postsportplatz in Hernals. Die Orte, Architekturen, Details und auch größeren Zusammenhänge, die Koch bei seiner Mid-Century-Rundschau in Wien aufgeklaubt hat, sind gemeinsam mit fast 500 Bildern zwischen zwei Buchdeckeln gelandet (im Falter Verlag erschienen). Dazu zeigt eine Ausstellung des Wien Museums bis 9. Jänner Bilder des „Midcentury Vienna“ am Bauzaun rund um das Stammhaus am Karlsplatz.

„Mid-century Vienna“. Tom Koch und Stephan Doleschal waren „Auf den Spuren des Aufbruchs“, Falter Verlag.