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Staatsoper

In Sevilla regiert nun der Zappel-Philipp

++ HANDOUT/ARCHIVBILD ++ FOTOPROBE - ´IL BARBIERE DI SIVIGLIA´ IN DER WIENER STAATSOPER
(c) WIENER STAATSOPER/MICHAEL P�HN (MICHAEL P�HN)
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In Rossinis „Barbiere di Siviglia“ macht Regisseur Herbert Fritsch mit körperbetontem Klamauk aus Menschen wieder Schablonen, die Handlung verflüchtigt sich dabei weitgehend. Juan Diego Flórez kehrt als virtuoser Almaviva glanzvoll in sein altes Fach zurück.

Repertoiretauglich ist das wohl. Und die Grundidee hat sogar etwas Verlockendes: ein „Barbiere“ in bunten Rokokokostümen und, bis auf eine zitathafte Leiter gegen Ende, ganz ohne Requisiten. Als Bühnenbild dienen einzig nicht minder bunte, transparente Hänger, die Gassen bilden, wenn sie nicht mit ständigem Hin und Her, Auf und Ab beschäftigt sind: Das erzeugt immer neue Farbwerte bis hin zum trüben Dunkel, teils durch wechselnde Überlagerung, teils durch diverses Scheinwerferlicht. Schon zur Ouvertüre läuft eine Art Bildschirmschoner, als würden Mondrian-Gemälde lebendig. Dazu kommen Schattenspiele der trippelnden, stapfenden, tänzelnden Protagonisten. Die haben sich dann nämlich vor allem in szenischem Geblödel zu ergehen, sie schneiden Gesichter, fuchteln herum, legen Disco-Moves aufs Parkett: Dergleichen können Einspringer wohl leicht improvisieren … Mit der Neuinszenierung von Gioachino Rossinis „Barbiere di Siviglia“ durch Herbert Fritsch verhält es sich nämlich genau wie mit Hugo von Hofmannsthals „Turm“ – nur umgekehrt. Als Hofmannsthal im kleinen Kollegenkreis sein grüblerisch verrätseltes Drama vorgelesen hatte, blieben zunächst alle stumm, bis Franz Molnár endlich in die ratlose Stille hinein rief: „Niveau hat das ja nicht sehr viel. Aber so ein Reißer!“ – Bei diesem „Barbiere“ müsste das ironisch ins Gegenteil verkehrte Urteil lauten: Von Klamauk kann ja keine Rede sein – aber was für ein Tiefgang!

Fritsch führt nämlich unbekümmert weg von den facettenreichen Menschen, die in diesem Buffa-Klassiker sehr wohl lebendig werden können, zurück zu den Abziehbildern der Commedia dell’arte, zu Komödienstereotypen. Raus mit der Psychologisierung der Figuren, auch weitgehend raus mit ihren wichtigen Standesunterschieden, her mit Stummfilmgrimassen und Cartoongestik, mit nivellierendem Klischeehumor und Blödeleien aller Art. Das einst in Wien grassierende Rossinifieber, es wird zwei Jahrhunderte später offenbar durch Tarantelbisse verursacht und führt zum Veitstanz. Vor allem Ruth Brauer-Kvam in der fast ständig präsenten stummen Rolle des Dieners Ambrogio macht mit Gummigliedmaßen jenen unablässigen Bewegungsdrang klar, den Rossinis Musik für Fritsch vor allem bedeutet – sofern sie nicht als eine Art von Ballett-Papagei die anderen spiegelt.