Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Quergeschrieben

Das Problem mit den Zöpfen eines Supermodels

Das Konzept der kulturellen Aneignung ist im Grunde aufklärerisch, in der Praxis aber oft kontraproduktiv. Es wird Zeit für einen neuen Zugang.

Die Zöpfe sind ein Problem. Adriana Lima modelte einst für Victoria's Secret. Aktuell wird die Brasilianerin in sozialen Medien, die keine Ländergrenzen kennen, heftig kritisiert. Auf einem Foto trägt die 40-Jährige nämlich Zöpfe, genau genommen Cornrows, also dicht die Kopfhaut entlang geflochten, und beschreibt in der Bildunterschrift den Style als „urban“.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Quergeschrieben“

„Kulturelle Aneignung“ lautet die Kritik. Lima mache sich die Ausprägungen einer anderen Kultur zu eigen. Sich von anderen inspirieren zu lassen, ist Teil der Menschheitsgeschichte, doch zwei Dinge stören ihre Kritikerinnen und Kritiker besonders: dass es sich um Eigenheiten einer benachteiligten Kultur handelt – nämlich jene der Schwarzen – und dass die ursprünglichen Erschaffer nicht anerkannt werden. Lima nannte auf Instagram lediglich ihren eigenen Friseur.

Das Konzept der kulturellen Aneignung ist nicht neu, seit mindestens 2013 geistert es durch Feuilletons und Internet. Die einen sehen es als gefährliche Zensurmaschine, die Tribal Tattoos, Faschingskostüme und nun sogar Zöpfe verbieten will. Für die anderen hingegen ist es ein wichtiges Instrument, um darauf hinzuweisen, dass sich die Ungleichheit auch in unserer Kultur widerspiegelt. Es lädt dazu ein, darüber nachzudenken, warum man eigentlich seit vielen Jahren Dinge so tut, wie man sie tut – fordert das jedoch oftmals mit einer Wucht ein, die nicht gerade produktiv ist.

Das zeigt sich auch beim Fall Lima: „Der Stylist braucht einen elektrischen Stuhl“, hieß es in einer reichlich übertriebenen Reaktion auf Twitter. Andere führten hingegen an, dass Zöpfe keineswegs eine Frisur seien, die nur schwarze Menschen tragen; sie sind beispielsweise auch Teil der alpinen und skandinavischen Kultur. In manchen Fällen ist es schwer zu sagen, welche Kultur über eine andere dominierte und wann sich das veränderte. Dazu kommt, dass Lima selbst afrikanische Wurzeln hat.

Kein Fall, der unter dem Stichwort der kulturellen Aneignung die Gemüter erhitzt, ist wie der andere. Zu jedem Beispiel gibt es ein vermeintliches Gegenbeispiel, und erst bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Komplexität des Falles. Zudem verlangt die Auseinandersetzung historisches Wissen – ein positiver, ja aufklärerischer Nebeneffekt der Debatten: Wir lernen dazu und setzen uns mit der Geschichte von kulturellen Praktiken auseinander. Anders als schlichte Zöpfe sind Cornrows beispielsweise eine Technik, die ausschließlich von Schwarzen verwendet wurde.

Zu verbieten, dass sich Kulturen vermischen, wäre fatal. Doch das ist nicht die Absicht des Konzepts. Es geht darum, Respekt einzufordern, die ursprünglichen Urheberinnen und Urheber anzuerkennen und auf dunkle Seiten aufmerksam zu machen. Im Fall von Lima wäre es besser gewesen, den Stil nicht als „urban“ zu bezeichnen, sondern anzumerken, dass Menschen, die eine solche Frisur ursprünglich trugen, sich nicht aussuchen können, ob sie mit einem „schwarzen“ Stil assoziiert werden wollen oder nicht.


Die US-amerikanische Kulturwissenschaftlerin Minh-Ha T. Pham empfahl im „Atlantic“, das Konzept der Aneignung umzudrehen – und darauf zu achten, was eben nicht mitgenommen werde: Was hat die jeweilige Gruppe, aus der die Kulturpraxis stammt, davon? Profitieren von Limas Cornrows jene Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden? Wohl kaum. Das, so Pham, sei jedoch die einzige Möglichkeit, die Verhältnisse zu verändern. Es geht nicht darum, wem die Kultur „gehört“, sondern wer von ihrer Ausübung profitiert.

Wer Stile oder Praktiken einer anderen Kultur liebt, aus welchen Gründen auch immer, kann sie also tragen – solang man darauf achtet, wo diese herkommen, und man sich damit nicht über die ursprüngliche Kultur lustig macht. Darauf ist die Bewegung im Grunde aus: Respekt, der zu mehr Gerechtigkeit führt. So schwer ist es gar nicht.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Anna Goldenberg ist Journalistin und Autorin („Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete“, 2018, Paul Zsolnay) und lebt in Wien. Sie schreibt über Medien und Politik für den „Falter“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2021)