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Deutschland

96-jährige ehemalige KZ-Sekretärin floh vor Prozess

Der Saal im Landgericht Itzehoe, wo Irmgard F. hätte erscheinen sollen, blieb am Donnerstagvormittag großteils leer.
Der Saal im Landgericht Itzehoe, wo Irmgard F. hätte erscheinen sollen, blieb am Donnerstagvormittag großteils leer.APA/AFP/POOL/MARKUS SCHREIBER
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Irmgard F. war Sekretärin im KZ Stutthof nahe Danzig. Ihr wird Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen vorgeworfen. Kurz vor Prozessbeginn in Schleswig-Holstein am Donnerstag setzte sich in ein Taxi und verschwand. Am frühen Nachmittag wurde sie gefasst.

Eine 96-jährige Deutsche, gegen die am Donnerstag vor dem Landgericht Itzehoe (Schleswig-Holstein) ein Strafprozess wegen mutmaßlicher Beihilfe zu Nazi-Kriegsverbrechen beginnen sollte, ist am frühen Morgen wenige Stunden vor Prozessauftakt geflohen - das berichtete zunächst die „Bild"-Zeitung.

Die greise Frau namens Irmgard F. wohnte zuletzt in einem Altersheim in Quickborn nahe Hamburg. Wie sie hätte zum Gericht gebracht werden sollen, war vorerst unklar. Laut Bild nahm sie jedenfalls in der Früh ein Taxi und ließ sich zur U-Bahn-Station Norderstedt nördlich von Hamburg bringen. Dort stieg sie aus dem Wagen und verschwand.

Das Landgericht bzw. der Richter in dem Verfahren, Dominik Groß, schrieb sie noch am Vormittag zur Fahndung aus. Am Nachmittag hieß es, die Frau sei gefasst worden. Kurz vor 14 Uhr hätten Polizisten sie auf einem Gehsteig der Langenhorner Chaussee entdeckt, das ist eine sehr lange Durchzugsstraße im gleichnamigen Bezirk im Norden Hamburgs und nahe des Flughafens.

Lage von Itzehoe:

F. hatte als junge Frau von 1943 bis 1945 als Sekretärin im KZ Stutthof in der Nähe von Danzig gearbeitet und ist nun wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen angeklagt. Diese Beihilfe habe darin bestanden, dass sie als Stenotypistin und Schreibkraft in der Lagerkommandantur der Verwaltung dort bei der systematischen Tötung von Häftlingen geholfen habe.

Verfahren vor Jugendgericht

Da sie seinerzeit noch nicht volljährig war, wird der Prozess gegen die 96-Jährige vor einem Jugendgericht geführt, wo die möglichen Strafen niedriger sind. Weil es ein Jugendverfahren ist, kann es indes auch nicht in Abwesenheit der Angeklagten beginnen; sie muss persönlich anwesend sein, wenn die Anklageschrift verlesen wird.

F. hatte ihre Flucht übrigens Informationen der Bild zufolge angekündigt: Nämlich in einem handgeschriebenen Brief an das Gericht vom 8. September: „Aufgrund meines Alters und körperlicher Einschränkungen werde ich die Gerichtstermine nicht wahrnehmen und bitte den Herrn Verteidiger, mich zu vertreten", heißt es darin. Sie verwies auf ihren schlechten Zustand und schrieb, sie wolle sich „diese Peinlichkeiten ersparen und mich nicht zum Gespött der Menschheit machen". Offenbar nahm diese Ankündigung niemand ernst.

Irmgard F. (damals hieß sie D.) etwa 1944.Bundesarchiv

Das 1939 gegründete Lager unterstand der Danziger Gestapo, wurde Anfang 1942 formell als Konzentrationslager eingestuft und hatte bis zu 39 Außenlager. Spätestens 1944 setzten systematische Vernichtungen ein. Die Gesamtzahl der Insassen soll mehr als 110.000 betragen haben, von denen um die 65.000 starben. Als das Lager im Jänner 1945 wegen des Nahens sowjetischer Truppen geräumt wurde, schickte man mehr als 11.000 Insassen auf einen „Todesmarsch" Richtung Westen, etwa 35.000 blieben zurück. Tatsächlich erschienen die Russen dann erst Anfang Mai - bis dahin waren die Verbliebenen ebenfalls weggebracht worden, wobei Tausende umkamen. Am Ende fand man in dem Lager nur noch etwa 100 überlebende Häftlinge, die sich versteckt hatten.

Wollte von Tötungsmaschinerie nichts gewusst haben

F. hatte in den 1950er- und 60-Jahren bei Kriegsverbrecherprozessen als Zeugin ausgesagt. Damals gab sie zu, dass etwa auch der Schriftverkehr der Lagerführung mit dem Wirtschaftsverwaltungshauptamt der SS über ihren Schreibtisch gelaufen sei. Der Lagerkommandant, SS-Offizier Paul Werner Hoppe, habe ihr Schreiben diktiert und Funksprüche verfügt. Von der Tötungsmaschinerie selbst habe sie nichts gewusst, sagte sie seinerzeit.

Hoppe (1910-1974), ein ausgebildeter Landschaftsarchitekt und in den ersten Kriegsjahren hoher Offizier in SS-Divisionen und an der Front kämpfend, 1942 in Demjansk (Russland) verwundet, hatte das Lager im Herbst 1942 übernommen. Im Mai 1945 floh er nach Flensburg und tauchte unter, wurde aber 1946 von britischen Soldaten in Schleswig-Holstein gestellt und nach Schottland in ein Lager gebracht.

Zeitweise Flucht des Lagerkommandanten in die Schweiz

1948 kam er in ein britisches Gefangenenlager in Niedersachsen und sollte an Polen ausgeliefert werden, aber er konnte aus dem Camp entkommen und sich in die Schweiz durchschlagen, wo er mehrere Jahre als Gärtner arbeitete, aber 1952 zurück nach Deutschland reiste und dort 1953 verhaftet wurde.

In einem Strafprozess erhielt er 1957 wegen Beihilfe zum Mord neun Jahre Haft, aus der er 1966 freikam und bis zu seinem Tod 1974 in Bochum (Nordrhein-Westfalen) zurückgezogen lebte.

SS-Offizier und Stutthof-Verwalter Paul Werner Hoppe.Offizielles zeitgenössisches Porträtfoto/jewishvirtuallibrary.org

Das Internationale Auschwitz-Komitee zeigte sich empört über die Flucht der Angeklagten und sieht darin „eine unglaubliche Verachtung des Rechtsstaats und der Überlebenden", wie Vize-Exekutivpräsident Christoph Heubner sagte. Rechtsanwalt Onur Özata, der zwei Nebenklägerinnen und Stutthof-Überlebende vertritt, sagte gegenüber Bild, dass F. die Justiz „an der Nase herumführt". Man müsse sie unbedingt finden und festnehmen - was dann auch geschah.

Efraim Zuroff vom „Wiesenthal Center" sagte gegenüber „Bild“, dass der Prozess gegen Irmgard F. daran erinnere, dass auch Frauen in Nazi-Verbrechen involviert waren.

(Reuters/Red.)