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Befragung

Führen auf Distanz bereitet Bauchweh

"Presse"
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Der jüngste „Hernstein Management Report“ zeigt: Bei Remote Leadership werden die „3K“ als die größten Probleme gesehen: Kommunikation, Koordination, Kontrollverlust.

Der Befund ist auf den ersten Blick eindeutig: Drei Viertel der Führungskräfte sehen sich durch Führen aus der Distanz gefordert: 29 Prozent der für den Hernstein Management Report – im Mai und Juni, also während des (Teil-)Lockdowns – befragten Führungskräfte stimmen der Aussage voll und ganz zu, weitere 48 Prozent stimmen eher zu, dass remote Leadership herausfordernder ist als wenn (fast) alle Mitarbeitenden vor Ort sind. Die „3K“ werden dabei als die größten Probleme gesehen: Kommunikation, Koordination, Kontrollverlust. Ein interessantes Detail zum Kontrollverlust: Die Angst davor verhält sich umgekehrt proportional zur Unternehmensgröße. Je größer das Unternehmen, desto geringer ist diese ausgeprägt.

Bemerkenswert ist, dass Führungskräfte, die selbst nicht aus der Distanz arbeiten, die Herausforderungen als größer erachten. Menschen seien in aller Regel „Gewohnheitstiere“, meint Michaela Kreitmayer, Leiterin des Hernstein Instituts. „Alles, was wir noch nicht gemacht haben, erscheint zu Beginn schwieriger. Warum? Weil es noch keine Erfahrungswerte gibt, auf die wir zurückgreifen können.“ Entsprechend gebe es nur vage Vorstellungen davon, wie etwa Remote Leadership funktionieren könnte.

„Daher stellen sich all jene, die bisher ausschließlich in Präsenz geführt haben, das Remote Führen als größere Herausforderung vor. Erst wenn Führungskräfte dann selbst erfahren, wie es ist, remote zu führen, könnten sie für sich abwägen, wie herausfordernd es tatsächlich ist“, sagt Kreitmayer.

Die geringe Freude mit der Führung über Distanz ist vor allem auf die Meinung von heimischen Führungskräften 40+ zurückzuführen. 73 Prozent von ihnen erwarten Schwierigkeiten.

Dass die Mitarbeitenden nicht am gewohnten Arbeitsplatz anwesend sind, wird von den befragten Führungskräften überwiegend als Hindernis für die Führungsarbeit gesehen. Eine ebensolche Zustimmung erhält die Aussage, dass die Koordination der Mitarbeitenden aufwendig sei. Der Hypothese, dass Remote Work zu einem Machtverlust führt, wird eher widersprochen, ebenso dass sich Mitarbeitende mit den Erfordernissen des selbstständigen Arbeitens schwertun. Indifferent ist das Ergebnis hinsichtlich der Aussage, dass bei Remote Work ständige Kontrollen notwendig seien.

Vertrauen ist der Schlüssel

Die Frage nach der Sorge hinter der fehlenden Präsenz beantwortet Kreitmayer so: „Arbeiten in Präsenz war bisher in den meisten Fällen der normale Führungs- und Arbeitsalltag. Alle Tätigkeiten, die man jahrelang in einer gewissen Form gemacht hat, sind in uns so abgespeichert. Die Wahrnehmung des Menschen als Ganzes klappt in Präsenz eindeutig leichter.“ Zufällige Gespräche am Gang würden wegfallen, mehr noch, sie müssten aktiv geplant werden.

„Überall dort, wo die Vertrauenskultur ausbaufähig ist, erschwert den Führungskräften die fehlende Präsenz die Wahrnehmung der Leistungen der Mitarbeitenden – denn wir erinnern uns nur allzu gut daran, dass lange physische Anwesenheit im Unternehmen oftmals mit Fleiß und viel Arbeit in Verbindung gebracht wurden“, sagt Kreitmayer.

Zur Person

Michaela Kreitmayer leitet seit November 2016 das Hernstein Institut für Management und Leadership der Wirtschaftskammer Wien, das mit dem „Hernstein Management Report“ regelmäßig Führungskulturen und Managementthemen untersucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 2. Oktober 2021)