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Streaming

Sterben in Zuckerlrosa: „Squid Game“ auf Netflix

Mobbing im Schlafsaal: Bei den Teilnehmern des „Squid Game“ liegen bald die Nerven blank.Netflix / YOUNGKYU PARK
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Eine südkoreanische Serie über ein blutiges und psychologisch ausgeklügeltes Spiel ist der neue Netflix-Hit.

Seong Gi-hun hat nichts zu verlieren. Er ist ein traniger Typ, der in einem grauen Viertel von Seoul seiner kranken Mutter auf der Tasche liegt und Frau samt Tochter an einen Macher verloren hat. Die Spielsucht treibt ihn immer tiefer in die Schuldenfalle. Natürlich kann er der Verlockung nicht widerstehen, als ihm ein Fremder anbietet, an einem Spiel teilzunehmen, bei dem ein gigantisches Preisgeld winkt . . .

Wie eine Mottenfalle zieht das Geld 456 Bereitwillige an, die keine Ahnung haben, worauf sie sich einlassen. Jeden Tag müssen sie ein neues Spiel bewältigen. Der Weg in die Arena führt durch ein Labyrinth aus zuckerlrosa Treppen und Gängen, die an ein Computerspiel für Kinder erinnern. In dieser übergroßen Kulisse wirken die Menschen selbst wie bloße Spielfiguren. Und sie sind es auch.

Vom Spielplatz in die echte Arena

Hier geht es nicht mehr nur um bubenhafte Rivalität, wie sie Gi-hun als Kind beim „Squid Game“ (nach dem die südkoreanische Serie benannt ist) auf dem Spielplatz auslebte. Es geht um das für alle überlebensnotwendige Geld, das in einem Sparschwein von der Decke hängt – mit dem am Ende aber keiner mehr eine Freude haben kann. Denn wer verliert, ist raus. Endgültig.

Die brutale Massenschießerei, die sich im harmlos wirkenden Kindersetting (und, wie man später erfährt, vor den Augen zahlender und ziemlich perverser VIPs) schon in Runde eins abspielt, ist unerträglicher Ausdruck übersteigerter Machtfantasien und zynischer Selbstüberhöhung. Mit jedem Level werden die Spiele perfider, die Zahl der Teilnehmer dezimiert. Diese werden auch fernab der Arena in die Enge getrieben. Bald prügeln sie sich ums Essen, es werden Gangs gebildet, die aufeinander losgehen. Frauen biedern sich sexuell an, um sich Vorteile zu verschaffen. Ein rasend schneller Verfall von Menschlichkeit und Selbstachtung: Wie soll man es ertragen, wenn man nur auf Kosten anderer überlebt?

Wuchtig wie „Die Tribute von Panem“

„Squid Game“ würde nicht so gut funktionieren (die Serie ist der neue Netflix-Hit), ginge es darin nur um Gemetzel. Vielmehr führt sie einen bösen Reigen von unerwarteten Wendungen auf, die unter die Haut gehen.

Die Geschichte (Menschen ohne Alternative müssen zum Gaudium der Eliten um ihr Leben kämpfen) erinnert nicht nur in ihrer Wucht an „Die Tribute von Panem“. Psychologisch ist sie aber ausgeklügelter. Und trägt ebenfalls militärische Züge: Die kasernenhafte Schlafhalle, in der die Schwachen gemobbt werden, die schweigenden und gesichtslosen Wächter und Henker, die selbst im Gehorsam gefangen sind. Die massenhafte Entsorgung von Toten im Krematorium lässt einem die Haare zu Berge stehen.

Letztlich rührt „Squid Game“ an die Urangst des Menschen, am Ende ohne Hoffnung, Trost und einen Freund an der Seite in den Abgrund zu blicken.