Man kann es sich ja selten nur recht machen. Breche ich etwa auf durch Busch und Zweig, auf beschränktem Steig, wird mir so weit, so frei, will...
Man kann es sich ja selten nur recht machen. Breche ich etwa auf durch Busch und Zweig, auf beschränktem Steig, wird mir so weit, so frei, will mir das Herz entzwei. Schaut es dann Unendlichkeit? Will es doch nur wieder eins - „und in ein Kämmerlein, sehnt sich mein Herz hinein“. Ja, das ist Schubert, also der kurz für Sie zusammengeraffte Text eines seiner Lieder. „Widerspruch“ heißt der erstaunlich galoppierende schizophrene Schub, noch dazu für Männerstimmen gedacht. Wir singen es gerade in dem kleinen gemischten Chor, zu dem ich mich einmal im Monat gesellen darf. Unser Klavierbegleiter kennt unsere Tieflagen nun einmal zu gut, Lucio Golino hatte schließlich lange genug nur die Hellsten im Ohr, die Sängerknaben, den Kinderchor der Volksoper. Jetzt ist er Maestro suggeritore an der Staatsoper, sag niemals nur Souffleur zu ihm, warum auch, bei dem grandiosen Titel.
Dieser „Widerspruch“ jedenfalls geht mir nicht mehr aus dem Sinn, die Doppelconference mit sich selbst kenne ich nur zu gut. „Wenn ich mit mir alleine bin, stört jeder Dritte nur“, beschreibt Meinhard Rauchensteiner es unter dem Titel „Einsamkeit“ in dem Büchlein, das er gerade herausgebracht hat: „Gegenverkehr. Miniaturen“ (Czernin Verlag), mit Vorwort von Andre Heller, der diesen „als Beamten getarnten Philosophen und Schriftsteller“ mindestens so schätzt wie ich, seit Jahrzehnten überwintert er im Leopoldinischen Trakt der Wiener Hofburg als „Abteilungsleiter für Wissenschaft, Kunst und Kultur“ die diversen Bundespräsidenten.
Der „Gegenverkehr“ kommt jedenfalls mit im leichten Handgepäck, genau wie der „Widerspruch“ in meinen Kopfhörern. Ich fahre nach Paris übers Wochenende. Und würde doch lieber hier bleiben. Bliebe ich hier, würde ich doch nur reisen wollen. So ist das Leben, wer die Weite spürt, will die Enge, wer die Ewigkeit, die Zeitlichkeit und umgekehrt und so weiter, wie ermüdend. Vielleicht ist dieses Schubertlied ja die heimliche Corona-Hymne, stürzt man sich in das derzeit wiedererstandene Wiener Leben voll Vernissagen und Theaterpremieren, könnte einem dieser Gedanke kommen. Aber Wien gilt ja nicht umsonst als größter „Jahrmarkt der Weinerlichkeiten“ (Rauchensteiner).
Zumindest was die Kunst betrifft (das Theater scheint gerade ein wenig zu schwächeln, folge ich unseren Kritiken), wäre Jammern nahezu ein Frevel, eine interessante Ausstellung jagt die nächste – Sie finden meine wärmsten Empfehlungen, gelistet und kommentiert samt dringlichem Last-Minute-Tipp hier.
Nummer eins auf der Liste stellt Rebecca Horn im BA-Kunstforum. Erst am Montag wurde sie eröffnet. Tizians Sicht auf die Frauen eröffnet kommenden Montag im KHM, in wenigen Stunden darf ich mir für Sie schon vorab ein Bild von ihr machen. Von ihnen, diesen Frauen. Wunderschön und namenlos sind die meisten, in Venedig waren die Damen speziell zur Muße verdonnert, was durchaus beizeiten schon ein Thema war, die „Querelles des Femmes“ sind seit dem späten 14. Jahrhundert schon ein literarischer Topos, wie man dem KHM-Katalog entnehmen kann, in dem der ganzen Ausstellung Folgendes vorangestellt wird:
„Edle Herrin, wenn sie also über einen aufnahme- und
lernfähigen Verstand verfügen: Weshalb lernen
sie dann nicht mehr?“
„Tochter, das hängt mit der
Struktur der Gesellschaft zusammen, die es nicht
erfordert, dass Frauen sich um das kümmern, was den
Männern aufgetragen wurde. Und so schließt man vom
bloßen Augenschein, von der Beobachtung darauf,
Frauen wüssten generell weniger als Männer und
verfügten über eine geringere Intelligenz. Und dennoch
kann es nicht den geringsten Zweifel geben: Die Natur
hat sie mit ebensovielen körperlichen und geistigen
Gaben ausgestattet, wie die weisesten und erfahrensten
Männer.“ (Das Buch von der Stadt der Frauen, Christine de Pizan, 1405)
Da kann man fast nur mit James Bond antworten, dem neuesten natürlich: „In my humble opinion life doesn’t change very much.“ Wer wüsste es besser als er, der mit den Codes der ewigen Virilität nur deshalb so spielen kann, weil sie immer noch existieren. Wenigstens hat Daniel Craig mit Lea Seydoux – ich liebte sie in „Blau ist eine warme Farbe“ - das most sophisticated Bond-Girl der bisherigen Geschichte an Land ziehen können, und zwar nach Italien, nach Matera noch dazu. Will ich jetzt gleich wieder hin. Oder doch nicht. Muss ich noch diskutieren mit mir. Andrey Arnold, unser Filmkritiker, hatte wenigstens Anna Maria Wallner als Diskussionspartnerin über den neuen Bond - für den „Presse Play“-Podcast. Den Titelsong zu „No Time to Die“ singt übrigens Billie Eilish. Mit der man, der andauernden „Querelles des Femmes“ eingedenk, langsam ein Hühnchen zu rupfen hätte. Ihren rasanten Wandel von einer Ikone des Widerstands gegen jegliche Tizianischen Schönheitsideale zur schlichten Marilyn-Monroe-Karikatur subversiv zu nennen, ist auch nur falscher Trost. Anschauen werde ich mir den Bond jedenfalls eher nicht, ich bin es leid, die halbe Zeit mit geschlossenen Augen oder am Handy zu verbringen - nichts langweilt mich mehr als diese gestellten Action-Szenen, vor nichts graut mir mehr als vor Gewalt im Kino, ich habe schon die „Schachnovellen“-Verfilmung nur mit Abscheu ertragen, da bin ich äußerst zart besaitet.
Also Paris. Falls Sie mitkommen wollen zu Christos posthumer Triumphbogenverschleierung, müssen Sie allerdings früh aufstehen. Vor 8 Uhr am Morgen muss man vor Ort sein, da gibt es noch keine Absperrungen. Da muss man die Christo-Girls and –Boys, die dort ihren Informationspflichten nachgehen, beherzt ansprechen, dann bekommt man ein Fetzchen von dem blausilbrigen Velato-Stoff. Falls Sie auf derlei Devotionalien stehen. Hat mir Ernst Hilger geraten, den ich diese Woche spontan besuchte, er begeht gerade sein 50-jähriges Galeristenschicksal, auch nicht das schlechteste. Und eröffnet im Februar eine neue Galerie in der Rauhensteingasse. Schenkt er sich zum 72. Geburtstag. Eine Energie, eine dauernde Unruhe, die ich so nur von Galeristen und Galeristinnen kenne. Deshalb mag ich sie so, sie alle, nicht nur den ehemaligen Galeristen Peter Pakesch, dem gerade ein entzückendes Biografiebüchlein gewidmet wurde. Von Peter Stephan Jungk, dessen fulminante Franz-Werfel-Biografie mir einst bei meiner Matura beigestanden hat. Er scheint, lese ich, mitunter in Paris zu leben. Also fahre ich. Leichten Herzens, ganz widerspruchslos. Nimmt sich jedenfalls vor,
Ihre, Almuth Spiegler
almuth.spiegler@diepresse.com
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