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Iranistik

Als einst der längste Friede herrschte

Prachtvolle diplomatische Missionen in der frühen Neuzeit: Abbas II., von 1642 bis 1666 Schah von Persien, und der Botschafter des indischen Mogulreiches.
Prachtvolle diplomatische Missionen in der frühen Neuzeit: Abbas II., von 1642 bis 1666 Schah von Persien, und der Botschafter des indischen Mogulreiches.[ Wikimedia ]
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Zwei Großreiche führten über Jahrzehnte Kriege um die Territorien an ihren Grenzen. Eine lange Friedenszeit zwischen den Osmanen und Safawiden brachte aber Vorteile für beide.

Die Eroberung Kretas mit der von den Venezianern gehaltenen Seefestung Chania 1669 (nach 21-jähriger Belagerung) sowie der Vorstoß bis vor die Mauern Wiens 1683 – diese Jahreszahlen und Ereignisse markieren die Expansion des Osmanischen Reichs ins Mittelmeer und bis in die Mitte Europas. Auf der anderen Seite – genauer: im Osten des Reichs – herrschte hingegen der „längste Friede des frühneuzeitlichen Nahen Ostens“, wie der Titel eines aktuellen, vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten, Geschichtsprojekts lautet. Mehr als acht Jahrzehnte bestanden zwischen dem Iran unter der Dynastie der Safawiden und den Osmanen stabile Beziehungen mit einem regen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch.

Mit einer genauen Aufarbeitung dieser Epoche würden sie historisches Neuland betreten, sagt Giorgio Rota vom Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Bis vor wenigen Jahrzehnten habe sich die Geschichtsschreibung sehr oft auf große Persönlichkeiten und deren Taten konzentriert, so der Iranist und Historiker. In dem von ihm geleiteten Forschungsprojekt geht es um die Kunst der Friedensdiplomatie und die dadurch gewährleisteten politischen, religiösen und kulturellen Aspekte.

Der Beginn der Friedensepoche wird mit dem Vertrag von Zuhab im Jahr 1639 angesetzt. Dieses Abkommen beendete die eineinhalb Jahrhunderte andauernden Auseinandersetzungen und kriegerischen Konflikte im Kaukasus-Gebiet und Mesopotamien. Das historische Armenien und das heutige Georgien wurden geteilt. Nachdem Bagdad bereits 1638 erobert worden war, fiel ganz Mesopotamien dauerhaft an die Osmanen. Diese konnten nun ihre militärische Stoßkraft gegen Europa richten.

Kriegszeiten besser erforscht

Friedenszeiten sind im Gegensatz zu Kriegen und den an ihnen beteiligten Herrscherdynastien in den großen historischen Quellen unterbelichtet. „Wir wussten wenig über Wechselwirkungen der Staaten in Friedenszeiten“, sagt Selim Güngörürler, der als Spezialist für die iranische Safawiden-Periode (1501–1736) im ÖAW-Institut an dem Projekt beteiligt ist. Güngörürler weiter: „Für fast jeden einzelnen Fall, der in unseren thematischen Rahmen fällt, müssen wir in handschriftlichen Registerbänden mit Tausenden von Einträgen oder in nicht katalogisierten Bergen von Dokumenten ein paar Informationszeilen aufspüren.“

Letztlich ergibt sich das Bild einer Friedensepoche im Mittleren Osten, in der beide Staaten profitierten und das wirtschaftliche sowie kulturelle Leben prosperierte. Nach dem von Güngörürler ausgewerteten Archivmaterial haben die iranischen Händler und Kaufleute in größerem Maße daraus Nutzen gezogen. Sie konnten ihre Güter über die alten Handelsrouten durch Mesopotamien nach Arabien sowie durch Anatolien nach Konstantinopel und weiter in den östlichen Balkan transportieren. Selbst der Transit nach Zentral- und Westeuropa war in den Friedensjahrzehnten möglich.

Im kulturellen Bereich gab es im Osmanischen Reich schon vor dem Frieden von Zuhab ein großes Interesse an der persischen Literatur und dem Kunsthandwerk. „Persische Handschriften waren ein beliebtes Geschenk, das der Schah seinen Abgesandten für den Sultan bei Botschaftsbesuchen mitgab“, sagt Giorgio Rota. Und durch die Friedensepoche kamen noch mehr als früher Diplomaten, Missionare und Kaufleute aus Europa nach Persien. Güngörürler weist darauf hin, dass osmanische Gelehrte die Kultur ihrer östlichen Nachbarn als hohes Bildungsgut schätzten und daher auch die persische Sprache beherrschten – wie sich im Gegenzug das iranische Militär auf Türkisch unterhalten konnte.