Aufregung an der Münchener Staatsoper: Ein totes Reh auf der Bühne ruft nach der Probe sogar das Veterinäramt auf den Plan.
Wildtiere in Märchen verheißen meist nichts Gutes, oder es wird ihnen selbst übel mitgespielt. Wie dem Rehlein in Schneewittchen. Die böse Königin hat den wackeren Jäger eindeutig damit beauftragt, die Stieftochter in den Wald zu bringen, kaltzumachen und mit ihrem Herzen als Beweis der Tat zurückzukommen.
Was aber macht der Kerl? Er schießt ein unschuldiges Reh (Symbol für Treue oder gar Scheue) und bringt dessen Herz zurück, während sich Schneewittchen hinter die Sieben Berge verirrt. Der Tiermord wird noch richtig unangenehm für die Königin. Was aber mit dem Jäger passiert, ist in seriösen Fassungen der Geschichte nicht überliefert. Das ausgeweidete Reh wird ihm nicht viel Glück gebracht haben.
Warum sollte es im lyrischen Märchen Rusalka anders sein? Ein totes Bambi jedenfalls regt laut Süddeutscher Zeitung ganz München auf. Wildschaden bei Dvořák? Die Schlüsselszene, die für die Inszenierung Martin Kušejs an der Staatsoper Bedeutung haben dürfte: Auf der Jagd nach einem weißen Reh kommt der Prinz zur Nixe Rusalka, freit sie, und das Unglück nimmt seinen Lauf.
Bei den Proben wurde Rotwild vom Fleischhauer verwendet, rohes Fleisch, das die Hässlichkeit der Welt enthüllen soll. Die Reaktionen aber zeigen nun, wie sensibel selbst Bayern sein können, wenn das Töten von Tieren nicht dem Verzehr von Weißwurst auf dem Oktoberfest gilt, sondern einer kultischen Handlung auf der Bühne. Beim Kult hat man sich vom Menschenopfer distanziert, aber dass nun auch Tieropfer bei feierlichem Anlass verpönt sind, gehört zur neuesten Errungenschaft der Zivilisation. Münchens Tierschützer jedenfalls waren alarmiert. Sogar das Veterinäramt hat sich aus hygienischen Gründen eingemischt. Jetzt gibt es bei der Premiere am Samstag künstliches, nicht richtiges Reh.
Bei den Salzburger Festspielen und am Burgtheater war man 2005 wegen der Jagdleidenschaft Kušejs nicht so zimperlich. Er ließ in „König Ottokars Glück und Ende“ Tobias Moretti in der Titelrolle mit einem toten Tier herumlaufen, dem bereits das Fell abgezogen war. Aufgeregt haben sich Besucher damals aber nur darüber, dass Ottokar auf seinem Thron ungeschützten Sex mit einer Favoritin hat, obwohl man das eher noch aus Grillparzers Text herauslesen kann als das Schmücken mit Kadavern. Im Übrigen bringt das Wild auch Ottokar kein Glück. Er wird schließlich selbst geschlachtet.
Vielleicht hätte er die Anstandsregeln beherzigen sollen, die auf Jagd angewiesene Nomaden noch heute beherzigen. Der Jäger bittet das erlegte Tier um Verzeihung. Er habe es nur aus Not getan. Der moderne Mensch aber, ein zumeist hemmungsloser Allesfresser, empfindet es wahrscheinlich als peinlich, mit seinem Schnitzel zu reden.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2010)