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Frankreich: Bringt Pensionsdebatte neue Jugendrevolte?

Frankreich Loest Pensionsdebatte neue
(c) AP (Michel Euler)
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Fünf Jahre nach den Krawallen in den Vorstädten gibt es wieder Randale: Hinter den gewalttätigen Protesten gegen die Pensionsreform steckt mehr als die Ablehnung eines Gesetzes.

[Paris]Brennende Autos, geplünderte Geschäfte und Szenen von Straßenschlachten, in denen Jugendliche mit der Polizei „Katz und Maus“ spielen: Was in diesen Tagen in verschiedenen Städten in Frankreich passiert ist, erinnert zwangsläufig an die wochenlangen Unruhen in der „Banlieue“, den Außenbezirken der französischen Großstädten, vor fünf Jahren.

Und fast auf den Jahrestag des Ausbruchs dieser Krawalle in Clichy-sous-Bois erfolgte ein Justizentscheid, der die Polizei von jeder Schuld am Tod von zwei vor einer Kontrolle flüchtenden Jugendlichen freisprach. Dieser tragische Zwischenfall in einer der ärmsten Vorstadtsiedlungen Frankreichs hatte damals eine unglaubliche Welle von Gewalt ausgelöst.

Laut dem Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, Claude Dilain, hat sich in diesen fünf Jahren nichts geändert am trostlosen Leben in den Vorstadtghettos. Er schäme sich als Volksvertreter für die „Tatenlosigkeit der Republik“, 70Prozent der Familien in seiner Kommune lebten unter der Armutsgrenze. „Seit Jahren warne ich die zuständigen Minister, die Behörden und sogar die Staatspräsidentschaft vor der Situation in diesen Wohnsiedlungen, die zu ,Favelas‘ verkommen“, sagt Dilain.

 

„Marshallplan“ ad acta gelegt

Nur ein Wunsch wurde ihm erfüllt: Vor wenigen Tagen wurde ein Polizeikommissariat eingeweiht. Das war eine der Forderungen der Bevölkerung, sie wollte eine ständige und „normale“ Polizeipräsenz anstatt des sporadischen Aufmarschs von Ordnungstruppen in Kampfausrüstung, die eine Impression von Ausnahmezustand vermitteln.

Seit Langem warten vor allem die Jungen dieser Vorstädte, in denen nur die Kriminalität noch größer als die Arbeitslosigkeit ist, auf mehrfach versprochene Verbesserungen. Einen „Marshallplan für die Banlieue“ hatte schon Präsident Jacques Chirac angekündigt, den sein Nachfolger Nicolas Sarkozy verwirklichen wollte. Es blieb bei den guten Absichten. Sogar für den relativ bescheidenen „Banlieue-Plan“ der Staatssekretärin Fadela Amara fehlten die Finanzen.

Bleibt die Banlieue deshalb ein Pulverfass, wie Politiker und Soziologen regelmäßig das Risiko des Ausbruchs einer ansteckend wirkenden Gewaltwelle der frustrierten Vorstadtjugend umschreiben? Die Vorkommnisse am Rande der Proteste gegen die Pensionsreform lassen das Schlimmste befürchten. Unter den nun festgenommenen Randalierern befinden sich sehr junge Jugendliche, oft nicht älter als 15Jahre. Die meisten kommen aus Außenbezirken und waren der Polizei bisher nicht bekannt. Die Behörden ersuchen die Eltern, ihre Verantwortung besser wahrzunehmen. Das dürfte aber nicht reichen, um die Gefahr einer Eskalation der Gewalt bei den Protesten zu bannen.

 

Generation „No Future“

Die Regierung hat die Möglichkeit, dass die Jugend sich den Protesten gegen ein Pensionsgesetz anschließen würde und dass danach eine Jugendbewegung gar die Lunte an das Pulverfass Banlieue legen könnte, bestimmt unterschätzt. Bekannt war, dass die Heranwachsenden in Frankreich so wenig Vertrauen in Staat, Parteien, Medien und Kirche haben wie in kaum einem anderen Land. Nirgends ist diese No-Future-Haltung stärker ausgeprägt als in Vorstädten, wo zu der Jugendarbeitslosigkeit (mehr als 50Prozent) alle gesellschaftlichen und familiären Probleme in multipliziertem Ausmaß hinzukommen.

Keine Parallele zur Jugendrevolte vom Mai 1968 möchte darum der Soziologe Olivier Galland ziehen: „Der Mai 1968 ist weit weg. Damals gab es etwas, das heute fehlt: die Utopie. Damals gab es auch einen Generationenkonflikt. Heute demonstrieren Junge für die Pensionen der Alten – auch wenn uns das geradezu surrealistisch erscheint.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2010)