Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Premium
Literatur

13 Mal Gruseln im Alltag

Unaufgeregt spukt es in Bernhard Strobels neuen Erzählungen.

Ich glaube fast, wir alle sind Gespenster. Nicht nur das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, geht in uns um. Es sind alle erdenklichen alten, toten Ansichten . . . es sitzt uns im Blut, und wir können es nicht los werden.“ So heißt es in Ibsens „Gespenstern“, die weniger mit beängstigenden Spukwesen zu tun haben als vielmehr mit den Lebensweisen vorheriger Generationen. Bernhard Strobel entwirft in den 13 Erzählungen in „Nach den Gespenstern“ ein solcherart geisterhaftes Panoptikum: Alltägliche Beobachtungen kippen in subtil Bedrohliches, Unangenehmes und Rätselhaftes aus der Elterngeneration wiederholen sich, Personen werden unwirklich.

Unheimliches tritt bei Strobel oft schleichend und unaufgeregt zutage: in Gestalt eines kleinen Mädchens etwa, das Tierknochen sammelt und eine seltsame Faszination auch für Großvaters künstliches Gebiss entwickelt. Einige Nächte in Folge steht es am Bett des schlafenden Mannes, den Blick auf sein Gesicht gerichtet. Am Tag, an dem die Großmutter das Kind darauf ansprechen will, wacht der Großvater nicht mehr auf.
Weder opulente Situationsbeschreibungen noch ausführliche Psychogramme findet man bei Strobel. Sondern man beobachtet einzelne Szenen, von denen man auf gesamte Lebensentwürfe schließen kann. Manche Erzählungen brechen plötzlich ab, als würde ein Vorhang geschlossen, der einen kurzen Einblick in die Welt der Figuren, in die sich etwas Irritierendes schiebt, erlaubt hat.

Solche Momente des Unwirklichen stellen sich etwa in der Erzählung „Alte Karten“ ein, in der eine Frau in der Straßenbahn ihre Doppelgängerin erblickt. Darüber erschrocken, fällt sie auf einen Kinderwagen und entschuldigt sich bei der Mutter. Als sie die Doppelgängerin später wiedersieht – erneut in der Straßenbahn, in der auch wieder die Mutter mit dem Kind sitzt –, entschuldigt sich die Doppelgängerin bei der Mutter für ihren Fall auf den Kinderwagen.