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Zwischentöne

Carlisle Floyd: Im Rückwärtsgang zum Puls der Zeit

(c) imago stock&people (imago stock&people)
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Opern, die für die Vordenker der Avantgarde keine nennenswerte Größe darstellen, gelten dem Publikum oft als höchst lebensfähig.

Carlisle Floyd ist tot. Der amerikanische Komponist starb im Alter von 95 Jahren in Florida. Elf Opern hat er herausgebracht. Die Geschichte von Susanna im Bade hat einst den Ruhm des 28-jährigen Floyds begründet. „Susannah“ wurde ein Welterfolg – und doch spielte der Name des Komponisten keine Rolle, wenn irgendwo über eine mögliche „Zukunft der Oper“ diskutiert wurde.

Floyds Musik stand in einer Tradition, die von Puccini über Gian Carlo Menotti direkt zu jenen „Well-made Operas“ führte, die für die Ideologen der sogenannten Neuen Musik auf einem Nebengleis zu fahren schienen, dort aber – anders als von Rezensenten viel gerühmte Schöpfungen der anerkannten Avantgardisten – an unzähligen Stationen ein breites Publikum erreichten. In den USA war „Susannah“ sogleich die meistgespielte zeitgenössische Oper nach Menottis Kinderoper „Amahl und die nächtlichen Besucher“ und Gershwins „Porgy and Bess“.
Die vor allem in Europa – und hier wiederum im deutschsprachigen Raum – heftigen Auseinandersetzungen um die Frage, was einem Komponisten stilistisch erlaubt sein sollte, was nicht, musste Carlisle Floyd nie bekümmern. Im Urteil der ästhetischen Modemacher war er kein Mann des 20. Jahrhunderts. Das Publikum hatte er aber noch im 21. Jahrhundert auf seiner Seite.

Schreitet die Nivellierung der Opern-Spielpläne nun weiter voran, wird sich der museale Repertoirebetrieb dank der Stückezertrümmerung durch die Regisseure bald erledigt haben. Dann könnte dem Musiktheater Marke Floyd die Zukunft gehören. Wie zu Händels und Mozarts Zeiten – und wie bei den Musicals in unseren Tagen – wird man jeweils die neuesten Werke so lang spielen, als das Publikum danach verlangt.

Dabei gewinnt, wer den Finger am Puls der Zeit hat. Carlisle Floyds letzte Oper, „Prince of Players“ kam am Vorabend der eskalierenden Gender-Debatten auf die Bühne und zeigt die Geschichte des letzten „Boy Player“ der englischen Restauration: Edward Kynaston (1640–1706), einen Star, der einst sogar den König in seiner Loge warten ließ. Er sollte die Königin spielen, war aber „noch nicht rasiert“!
Der musikalische Stil-Mix, mit dem Carlisle Floyd solche Stücke vertonte, nutzte alle illustrativen Möglichkeiten moderner Orchesterbehandlung, vertraute aber durchwegs auf die formbildende Kraft fühlbarer Grundtöne, auf effektvolle Wechsel zwischen ausladenden melodischen Passagen und prägnanter Deklamation, die den Handlungsverlauf vorantreibt. Das mochte vielen altmodisch scheinen, dürfte aber auch etliche Jahre nach Carlisle Floyds Tod noch ziemlich gut funktionieren . . .