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Quergeschrieben

Psychologie der Massen: Was sie ausmacht, wie sie gelenkt werden

Propaganda wirkt, wie die Geschichte zeigt. Sie kann die Massen bewegen – zum Guten, aber auch zum Schlechten.

Es war im März 1938. Nach dem Treffen am Obersalzberg mit Adolf Hitler startete der zuvor zögerliche Bundeskanzler Kurt Schuschnigg eine beispiellose Aktion. Binnen weniger Tage sollte eine Volksabstimmung organisiert werden. Flugblätter in Rot-Weiß-Rot fluteten das Land, Plakate, Lastwagen mit Österreich-Fahnen schwenkenden jungen Männern. In dieser Stimmung, dem Aufwallen des Selbstbehauptungswillens im Kampf um Österreichs Existenz, überwanden die feindlichen Lager der Sozialdemokraten und die in die Diktatur abgeglittenen bürgerlichen Christlichsozialen den tiefen Graben, den der Bürgerkrieg geschaffen hatte. Man hatte ein gemeinsames Ziel, schwelgte in Patriotismus und Euphorie. Nur wenige Tage später war alle anders. Schuschnigg hatte seine bewegende Abschiedsrede gehalten, Hitler fuhr im Triumphzug durch das Land. Wieder jubelten die Massen. Doch diesmal saßen viele zu Hause, hatten Angst oder flüchteten ins Ausland. Juden wurden misshandelt, es wurde massenhaft denunziert, verhaftet und gefoltert. Wie war das möglich?

Der 1931 verstorbene französische Arzt, Soziologe und Psychologe Gustave Le Bon hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg das bahnbrechende Werk „Psychologie der Massen“ veröffentlicht. Es ist ein Lehrwerk über die Mechanismen, denen Massen unterliegen. „Die mannigfachen Triebe, denen die Massen gehorchen, können je nach Anreiz edel oder grausam, heldenhaft oder feige sein“, stellte Le Bon fest. In der Masse gehorcht der Mensch anderen Gesetzmäßigkeiten, Logik, Vernunft und das Verantwortungsgefühl schwinden. In der Masse erlangt der Einzelne Macht, er folgt Trieben, deren Ausleben er sich sonst nie gestattet hätte. In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar. Die Masse ist leicht beeinflussbar, am besten durch Bilder und Emotionen. Rationale Argumente machen kaum Eindruck auf sie. Vielmehr zeichnen sich Menschen in der Masse durch Leichtgläubigkeit aus. Die Unfähigkeit, richtig zu urteilen, raube ihnen jede Fähigkeit, Wahrheit und Irrtum voneinander zu unterscheiden, konstatierte Le Bon.