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Pandemie

Kinderarzt-Plädoyer für Impfung von Kindern: „Wichtig für Individual- und Gemeinschaftsschutz“

FRANCE-HEALTH-VIRUS-VACCINE
Ernst Eber, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie, spricht sich klar für die Impfung von Kindern ab zwölf Jahren aus. Schulschließungen hält er nicht mehr für angebracht.APA/AFP/PHILIPPE DESMAZES
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Für Kinder ohne Grunderkrankungen ist zwar eine akute Corona-Erkrankung in der Regel nicht gefährlich, allerdings können auch sie unter Long Covid und am sogenannten Hyperinflammationssyndrom leiden.

Ob das Risiko einer Infektion für Kinder geringer ist als für Erwachsene, sei zwar noch immer nicht geklärt, „aber Kinder sind keine Pandemietreiber, das zeigen Studien, Cluster-Analysen und Schultests. Die Treiber sind Superspreader, also einzelne Infizierte, die viele andere Personen infizieren, und Kinder wurden bisher nicht als Superspreader berichtet.“

Das sagte Ernst Eber, Leiter der Klinischen Abteilung für pädiatrische Pulmonologie und Allergologie an der Med-Uni Graz, am Dienstag im Vorfeld der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) vom 6. bis 8. Oktober, deren Präsident er ist. Der Mehrheit der Entscheidungsträger sei daher klar geworden, „dass Schulschließungen Kindern und Jugendlichen mehr Schaden zufügen als die Erkrankung und daher ein Konsens besteht, dass Schulen geöffnet bleiben sollen“. Da sich vulnerable Gruppen durch Impfungen schützen könnten, sei es nicht mehr notwendig, Schulen für den Gemeinschaftsschutz zu schließen.

„Eine bei Schulkindern nachgewiesene Infektion ist zudem nicht gleichbedeutend mit einer in der Schule akquirierten Infektion“, sagt Eber. Nicht zuletzt sei die akute Corona-Erkrankung für Kinder ohne Grunderkrankung „in der Regel nicht sehr bedrohlich, anders ist das bei Kindern mit schwerer Grunderkrankung, vor allem mit neuromuskulären Erkrankungen, oder beim sogenannten Hyperinflammationssyndrom. Dieses auch als PIMS oder MIS-C bezeichnete Syndrom kann drei bis sechs Wochen nach einer Infektion auftreten und ist durch eine Multiorganbeteiligung gekennzeichnet. Eber: „Aus österreichischen Berechnungen wissen wir, dass etwa eines von 1000 infizierten Kindern bzw. Jugendlichen ein Hyperinflammationssyndrom entwickelt. Andere Quellen sprechen von 1 zu 4000 bis 1 zu 5000.“

Deshalb seien Impfungen von Kindern ab zwölf Jahren – nicht nur von jenen mit Risikofaktoren, sondern von allen – wichtig für den Individualschutz, „also zur Verhinderung der schwereren Verläufe und des wahrscheinlich seltenen, aber durchaus beeinträchtigenden Long Covid“. Und selbstverständlich trage die Impfung von Kindern auch zum Gemeinschaftsschutz bei.

Sechs- bis 14-Jährige im Fokus

Wie stark das Coronavirus mittlerweile innerhalb der ungeimpften bzw. kaum durchgeimpften Bevölkerung zirkuliert, zeigen aktuelle Auswertungen der Ages. Demnach betraf vergangene Woche jede fünfte nachgewiesene Infektion ein Kind im Alter von sechs bis zu 14 Jahren. Von den 12.668 vom 27. September bis 3. Oktober bestätigten Infektionen waren 2530 – exakt 20 Prozent – dieser Altersgruppe zuzuordnen. Für Eber keine Überraschung. Solange eine Bevölkerungs- oder Altersgruppe nicht geimpft ist, werde das Virus dort grassieren. Selbst wenn alle anderen Altersgruppen geimpft wären.

28 Therapien mit Zulassung oder Notfallzulassung

Auf Fortschritte und neue Erkenntnisse bei der Entwicklung von Corona-Medikamenten weist Lungenfacharzt Bernd Lamprecht, Generalsekretär der ÖGP, hin. Von den 1550 Kandidaten für eine mögliche Therapie hätten schon 28 eine Zulassung oder Notfallzulassung erhalten.

Dazu zählen antivirale Medikamente wie etwa Remdesivir, antientzündliche bzw. immunmodulatorische Präparate wie Dexamethason, die dämpfend auf das überschießende Immunsystem wirken, antithrombotische Therapeutika sowie Antikörper zur passiven Immuntherapie. „Hier kommen zunehmend künstlich hergestellte monoklonale Antikörper zum Einsatz“, sagt Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Linzer Kepler-Universitätsklinikum. „Wir können also schwer Erkrankte effizienter behandeln, aber eine Wunderwaffe mit 100-prozentiger Wirksamkeit wurde noch nicht entwickelt. Daher sollten so viele Menschen wie möglich das Impfangebot wahrnehmen, die Prävention ist der Reparaturmedizin deutlich überlegen.“

Täglich neue Varianten

Dass die Impfungen auch gegen die nunmehr in ganz Europa dominierende Deltavariante wirksam sind, betont Tobias Welte, Vorstand der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und ehemaliger Präsident der European Respiratory Society. Trotz der hohen Infektionszahlen sei es in Europa nur zu moderatem Anstieg an Spitalspatienten und zu keiner Überlastung der Intensivstationen gekommen, „da die Deltawelle auf eine großteils geimpfte Bevölkerung traf“.

„Auch wenn eine Rate von rund 70 Prozent vollständig geimpfter Personen über zwölf Jahre weit entfernt von einer Herdenimmunität ist, ist die Schutzwirkung doch erheblich“, sagt Welte. „Natürlich entstehen täglich neue Varianten, etwa 20 davon werden von der WHO beobachtet, wie etwa My in Kolumbien oder Kappa in Asien.“ Es sei grundsätzlich möglich, dass diese Varianten das Potenzial haben, die Deltavariante zu verdrängen. Aber: „Impfstoffe können schnell an neue Varianten angepasst werden.“