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Glosse

Der Kanzler der 1000 Prozent

Es macht unsicher, wenn sich einer seiner Unschuld mehr als sicher ist.

Man solle nur einer Statistik trauen, die man selbst gefälscht hat, sagen Zyniker. So misstrauisch muss man nicht sein. Aber es gibt doch Fälle, in denen auch Gutgläubige zu zweifeln beginnen: wenn etwa bei einer Wahlumfrage die Summe der Stimmenanteile deutlich mehr als 100 Prozent ausmacht, oder wenn jemand einem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit von über 1,0 zuschreibt. Mehr als sicher gibt es nicht, und ein ehrlicher Liter enthält nicht mehr als acht Achtel.

So hörte man 2005 mit Staunen, als Wolfgang Schüssel versprach, seine Regierung werde ihr „Äußerstes geben, 120 Prozent“. Im Jänner 2019 übertrumpfte ihn Kanzleramtsminister Gernot Blümel, als er erklärte, Justizminister Josef Moser sitze tausendprozentig fest im Sattel – dieser blieb immerhin bis Juni im Amt. Mit derselben Prozentangabe schloss Unterhaltungskünstler Harald Schmidt 2015 eine Rückkehr als Moderator aus – seit Juni 2021 moderiert er einen Podcast. Nun erklärte Österreichs Bundeskanzler im Fernsehen, er könne „zu tausend Prozent ausschließen, dass ich jemals eine Scheinrechnung erstellt, geschrieben, erhalten oder sonst irgendetwas habe“. Kurz wird schon wissen, was er sagt: Wir können bei allem Respekt davon ausgehen, dass er sein Amt mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 9,99 behalten wird.