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Lokalkritik

Testessen im Café Bellaria

Café Bellaria
Café BellariaChristine Pichler
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Das Café Bellaria wurde völlig neu eröffnet. Mit guter Küche, unglaublichen Drinks und einem jungen Konzept.

Zu den vielen Irrungen moderner Esser in Wien gehört die Annahme, in Kaffeehäusern könne man nur Kaffee ­trinken. Abgesehen davon, dass die ­Kaffeequalität aus mir unverständlichen Gründen in manchen Institutionen weit weg von einem – sagen wir – italienischen Niveau ist, also leider darunter, kann man in vielen Wiener Kaffeehäusern wirklich gut essen. Ich nenne einfach nur zwei aus praktischen Gründen: Zuletzt war ich mit meinem Lieblingsgrünen im Sperl und verzehrte dort ein wunderbares Pariser Schnitzel. Und die Eiernockerln im Korb? Was soll ich da groß erzählen! Jedenfalls gibt es in Wien die Neueröffnung eines Traditionskaffeehauses zu vermelden, die schon wegen der Rettung des alten, wunderbaren, heruntergewirtschafteten Cafés Bellaria viel Lob verdient. Immerhin handelte es sich, wie mein geschätzter Kollege Florian Holzer als Ersttester festhielt, um das betriebsälteste Café Wiens, dem schrullige Stammgäste und solche, die aus beruflichen oder privaten Gründen nicht gesehen werden wollten, bis zuletzt die Treue hielten.

Café Bellaria
Café BellariaChristine Pichler

Rubin Okotie, einst Spieler der österreichischen Fußballnationalmannschaft, tat sich mit David Figar vom gleichnamigen Bistro in der Kirchengasse zusammen und ließ das Architekturbüro KLK (Mochi!) das alte Haus in ein fröhliches, aber edles Café umbauen, das sichtlich auch den Nacht­anspruch mit großartigen Cocktails und Musik erhebt und in dem noch Details von früher als Zitat (Kuppel) erhalten sind. Natürlich wird hier gefrühstückt, als gäbe es kein Mittagessen. Ich war zum Nachttesten: Musik ist gut, Drinks waren fein und die Kellner sehr freundlich. Die gebratene Entenbrust sei das beliebteste Gericht auf der Karte, erzählt der Chef. Dank Sous-vide-Garung ist die Brust tatsächlich su­perzart, die Gnocchi schmecken gummelig, wie es sich gehört, der Sauerkirschen-Portwein-Jus holt den Spätherbst rein. Interessanterweise bleibt der große Burger fast ein wenig brav bis langweilig, dem Rindfleisch-Aroma wollte man offenbar vollen Raum geben. Wirklich witzig ist das „Bellaria All Day Breakfast Sandwich“, in dem neben Beinschinken vom Thum, Avocado, Babyblattsalat und Chili-Mayo auch noch Scheiben vom Tamagoyaki versteckt sind. Das wird ziemlich rund und intensiv am Gaumen, der Titel des Sandwichs bedeutet offenbar auch: Macht den ganzen Tag satt. Wenn das Kaffeehaussterben in Wien so weitergeht, können wir wirklich gut damit leben. Am besten mit einem Negroni in der Hand. Vielleicht könnte man den einen oder anderen Heurigen von den beiden Herren modernisieren lassen? Wäre gut
für Wien.

Info

Café Bellaria, Bellariastraße 6, 1010 Wien, Tel.: +43/(0)1/522 60 85, Restaurant: Mo–Fr: 7:30–0 Uhr bzw. 2 Uhr, Sa: 9—2 Uhr, So: 9—0 Uhr.

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