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„Was, wenn ein Kind in einem der schönen Seen ertrinkt?“ Ansichtskarte aus Pörtschach, 1958.
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Josef Winkler: Warum ich in Kärnten bleibe

Man hat mich schon öfter gefragt, warum ich überhaupt noch hier in Kärnten lebe. Ich antworte immer mit einem Satz von Herbert Achternbusch, der über seine Heimat Bayern gemeint hat: „Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das ansieht!“

„Den Vorsichtigen: Es fällt Schnee im Maquis, und das heißt für uns unausgesetzt gejagt werden. Ihr in euren tränenlosen Häusern, mit eurem alle Liebe erstickenden Geiz darin, eurem warmen Tagaus-und-Tagein: Euer Feuer ist ein Krankenwärter, sonst nichts. Zu spät. Der Krebs in euch hat gesprochen. Die Heimat hat keinerlei Macht mehr.“
(René Char)


Aufgewachsen bin ich im Kärntner Drautal, über 100 Kilometer vom slowenischsprachigen Gebiet von Kärnten entfernt, auf einem kleinen Bauernhof in einem kreuzförmig gebauten katholischen Dorf. Bis zu meinem 17. Lebensjahr wusste ich nichts von einer slowenischen Minderheit in Kärnten, es war weder in der Schule, noch in der Kirche auffällig davon die Rede. Ich hatte zumindest das Glück, in keinem katholisch oder national fanatisierten Elternhaus aufgewachsen zu sein. Meine Mutter, die im Zweiten Weltkrieg drei Brüder im jugendlichen Alter verloren hatte, zwei in Russland, einen in Jugoslawien, war verstummt, es hatte ihr und ihrer ganzen Familie, wie man so sagt, die Sprache verschlagen, sie wollte vom Krieg und von den Kriegsgräueln nichts wissen und hören. Die Magd war taubstumm, der Knecht ein Analphabet, der mit drei Kreuzen unterzeichnete, wenn er etwas unterschreiben musste. Der Vater, der im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtssoldat überlebt hatte, hatte also keinen Zuhörer im Haus. Er musste sich alleine in den Kriegsgeschichten seiner Vergangenheit wortlos vergraben. Nicht selten traf ich ihn, wenn er sich alleine meinte, mit sich selbst redend an, er hörte aber sofort auf mit den Selbstgesprächen, wenn jemand überraschend auftauchte. Man hörte ein Geschwurbel, als wenn man den Sendersucher eines Radios schnell weiterdreht, kein einziges Wort konnte man verstehen.

Wenn er dann doch wieder einmal vom Krieg als Abenteuer berichtete, antwortete die Mutter: „Im Krieg ist es euch wohl zu gut gegangen!“ Und die Antwort des Vaters war nicht selten: „Wenn der Krieg nicht gewesen wäre, wäre ich in meinem Leben nirgendwo hingekommen, weder nach Deutschland, noch nach Frankreich, auch nicht nach Holland!“ Es musste also Krieg geben, damit er sein Heimatdorf verlassen und „die Welt sehen“ konnte.