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Deutscher Buchpreis

Antje Rávik Strubels Siegerbuch: Dieser Schrei ist zu leise

(c) APA/AFP/POOL/SEBASTIAN GOLLNOW (SEBASTIAN GOLLNOW)
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Eine auch sprachlich beeindruckende Reise ist es, auf die Antje Rávik Strubel uns in „Blaue Frau“ mitnimmt: Sie führt durch ein Europa der Randgebiete und in die Vergangenheit einer traumatisierten Frau.

Die Kritik zu „Blaue Frau“ - dem Buch, das heuer mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wird.

Wir sind in Helsinki. In einer kahlen Wohnung. Dort hört man das Rauschen der Autos und das Rascheln des Vogelbeerbaums, dort findet sich, versteckt hinter den Plattenbauten, das Meer. Dort lebt Adina, „in einem Land, das sie nicht kennt, in einem Land im Norden, wo die Bäume andere sind, wo das Wasser anders schmeckt und der Horizont keine Farbe hat“. Wir werden hier nicht bleiben. Wir werden mit der Heldin in Antje Rávik Strubels neuem Roman „Blaue Frau“ verreisen, zurück ins tschechische Riesengebirge ihrer Kindheit, weiter nach Berlin, die einst geteilte Stadt, dann in die Uckermark am Rande Deutschlands und wieder zurück in die Gegenwart des finnischen Plattenbaus. Es ist eine Reise durch Europa, ein Europa zwischen Ost und West, in Grenzgebiete. Die Geschichte, sie ist überall. Und sie treibt auch den jungen Europa-Abgeordneten Leonides an. Er stammt aus Estland und hat sich vorgenommen, den Blick der Welt auf die Verbrechen Stalins und seiner Nachfolger zu schärfen. Eine neue Erinnerungskultur, das ist sein Ziel.

Strubel erforscht das Ungleichgewicht der Macht und den Missbrauch dieses Ungleichgewichts. Im Großen, wenn sie nachzeichnet, wie in der Uckermark ganze Landstriche verarmen; Handwerker, Gewerbetreibende, Bauern haben keine Chance, allzu raffiniert nutzen große Konzerne aus dem Westen die für sie maßgeschneiderten Gesetze aus. Im Kleinen: Da nennt der Gutsherr Adina, die für ihn arbeitet, einfach Nina, weil es ihm zu lästig ist, sich ihren richtigen Namen einzuprägen, und die intellektuellen Frauen Berlins spielen gegenüber der Jüngeren ihre Überlegenheit schamlos aus.

Besonders eindringlich: eine Passage, die im Riesengebirge spielt. Adina ist noch ein Teenager, schenkt an einer Liftstation Glühwein aus und muss erfahren, was passiert, wenn sie einem jungen Burschen, einem Touristen aus Deutschland, den Alkohol verweigert. „Er beugte sich vor und streckte ihr langsam seine Zunge entgegen. Er ließ sie auf- und abflappen wie einen gefangenen Schmetterling, mit derselben Geschwindigkeit, nur viel nasser. Am nächsten Tag kam er wieder. Er baute sich vor ihr auf, pflanzte seine Arme auf die Theke, verlangte Glühwein und flappte mit seiner Zunge herum. Schließlich packte er ihren Arm. Die Borsten auf seiner Oberlippe glitzerten im Budenlicht, als ihr Kopf gegen seinen Helm stieß. Ein feuchter Schlag traf ihre Lippen, und der Becher fiel um. Glühwein spritzte auf Ronnys teuren Skianzug. ,Blöde Fotze!‘“

Womit wir bei der Form des Machtmissbrauchs wären, die Strubel nach eigenen Aussagen beim Schreiben dieses Romans am meisten beschäftigt hat: die der Männer gegenüber den Frauen. Adina wird in der Uckermark, wo sie für einen Gutsbesitzer arbeitet, Opfer einer brutalen Vergewaltigung. Der Täter ist ein wichtiger Gast. Wichtig für die ganze Region. Das Ergebnis: Man glaubt ihr nicht, weil keiner ihr glauben will, weil es so einfacher ist, weil es doch gewiss nicht so schlimm war. Auch die Frau, der sie sich zuerst anvertraut, begeht diesen Verrat.

Adina flieht, Hals über Kopf und ohne Mittel. Helsinki wird ein zufälliges Ziel sein, dort wird sie Fuß fassen, ein wenig Atem holen, sie wird zu Leonides, dem Abgeordneten, Vertrauen gewinnen – bis auch dieses Vertrauen wieder missbraucht wird. Die Mächtigen, zeigt Strubel, halten zusammen, und es müssen nicht die alten Mächtigen sein. Die neuen, die jungen sind nicht viel besser. Und wieder wird Adina fliehen.

Strubels Buch ist so kunstfertig, dass einem zwischendurch der Atem stocken könnte: Da sind die regelmäßig eingeschobenen Passagen, die zunächst fast nach alten Sagen klingen und dann langsam in die Gegenwart führen. Wer ist diese Ich-Erzählerin: Spricht hier die Verfasserin? Und wer steckt hinter der titelgebenden Blauen Frau, auf die sie so sehnsüchtig wartet? Strubel inszeniert ein raffiniertes Spiel mit Namen und Identitäten: Die Blaue Frau ist möglicherweise Adina beziehungsweise Sala beziehungsweise Nina beziehungsweise der „letzte Mohikaner“. Man bedenke auch: Nur einen dieser Namen hat unsere Heldin selbst gewählt.

Ebenfalls klug gesetzt: die fast elegischen Landschaftsbeschreibungen. Allein wie sich das Motiv der Bäume durch den Band zieht! In Hartachov, im Schatten des Čertova hora, werden am Saum der steilen Waldwege Fichten wachsen, in Berlin wird Adina unter einer Blutbuche Platz nehmen, deren rostrotes Dach bis zu den am Straßenrand parkenden Autos reicht, in der Uckermark „segeln Mäusebussarde über Erlen und Haselsträucher im kalten Wind“. In Helsinki raschelt der Maulbeerbaum, und in den Linden steckt noch der Sommer.

Antje Rávik Strubel hat diesen Roman durchkomponiert, hat offenbar noch das kleinste Detail bedacht. Doch die Eindringlichkeit, die ihr etwa in der Passage mit dem übergriffigen deutschen Touristen gelingt, will sich später nicht einstellen. Man fragt sich, warum. Gerät ob all der Details das große Ganze aus dem Blick? Liegt es daran, dass die Beziehungen in diesem Roman, etwa zwischen Adina und Leonides, aber auch die zwischen Adina und der Fotografin Rickie, zu blass bleiben? Daran, dass sich selbst in den Dialogen – etwa als Adina mit Kristina über die Chancen spricht, den Vergewaltiger hinter Gitter zu bringen – ein ganz unangebracht hoher Ton einschleicht? „Das Selbst ist nur ein Blinzeln. Es verfliegt“, sagt da Sala alias Adina. Oder: „Meine Mutter und meine Großmutter sind meine Vergangenheit. Und trotzdem sind sie vor mir. Sie gehen vor mir her. Aber sind nicht eigentlich die, die hinter mir hergehen, das, was vor mir liegt? Meine Zukunft? Ist das nicht seltsam? Meine Zukunft sind die, die von mir erzählen.“ Vielleicht ist der Schrei deshalb nicht laut genug zu vernehmen?

Vielleicht hat Strubel mit diesem Roman auch einfach nur vieles gewollt. Das meiste ist gelungen.

Buch

Antje Rávik Strubel
Blaue Frau
Roman. 428 S., geb., € 24,70 (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2021)