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BRITAIN-NOBEL-LITERATURE-GURNAH

Kulturbriefing: Kurz gefasst

Kurz. Also kürzer solle ich diesen Newsletter doch schreiben. Wünschte sich ein Leser unlängst äußerst höflich. Und tatsächlich, ich war versucht....

Kurz. Also kürzer solle ich diesen Newsletter doch schreiben. Wünschte sich ein Leser unlängst äußerst höflich. Und tatsächlich, ich war versucht. Böte sich diese Woche doch an, könnte man meinen, stehen Kunst und Kultur doch scheinbar nur peinlich berührt am Ufer eines Stromes sich überstürzender Aktualitäten. Unmerklich gefügig schon wirft man sich in diesen, in den Strudel aus Eiltmeldungen, Sondersendungen und Pressekonferenzen. Folgt den Lockungen der Loreleyen nach unendlicher Empörung, fetten Skandalen, der plötzlichen Möglichkeit, etwas zu empfinden und sei es nur Brisanz und Zeitgenossenschaft. Getrieben lebt es sich nun einmal intensiver.

Die Frage ist, wovon. Das Feuilleton bevorzugte diese Woche die Nobelpreise oder sie bevorzugten in dem Fall uns. Das Warten auf den Livestream der Verkündung der Nobelpreis-Jury gibt den Start des Countdowns vor, dem wir Spezialisten-Dinosaurier uns aussetzen – die wenigen Stunden bis Blattschluss alles zu geben, was die Erfahrung uns lehrte. Vor allem lehrte sie uns eins – Nobelpreise sind wie Roulettespielen, nie gewinnt der, auf den man insgeheim gesetzt hat. Das steigert noch die Moral, es trotz Knappheit an Zeit und Vorbereitung fassbar zu machen. Thomas Kramar kam nahezu in einen didaktischen Rausch - Wetterforschung und „komplexe physikalische Systeme“ beim Physiknobelpreis am Dienstag, „Organokatalyse“ beim Chemienobelpreis am Mittwoch, irgendwann stürmte er aus seinem Kämmerchen und rief nur noch: „Ich wird’s euch allen noch erklären!“ Ich bekam Angst. Dachte an meine Mathe-Matura. Nicht nur deswegen, aber auch, glaube ich eben noch an Märchen. (Bitte nicht die übliche Journalisten-Häme jetzt.) Sonntag lesen Sie bei uns, welche Rolle gerade Grimms Märchen heute noch spielen, in den Stuben der Kinder und denen Hollywoods, wenn da ein Unterschied überhaupt noch besteht. Der Nobelpreis meines Herzens ist, wenn schon der für Literatur, wenn es für Kunst schon keinen geben darf.

Donnerstag hatte Kramar also (kurze) Pause. Norbert Mayer und Anne Catherine Simon durften um ihre Fassung kämpfen. Als Abdulrazak Gurnah aus Sansibar bekannt gegeben wurde. Sie haben nicht nur gekämpft, sie haben brilliert, konnten in Windeseile sogar noch ein Interview mit dem deutschen Übersetzer führen. 

Die erste Reaktion Gurnahs auf den Preis macht ihn uns nah: „Einfach abhauen“. Getrieben eben, wir sind Freunde. Die Frage ist, wohin?

Michael Schnitzler wählte den dunkelsten aller Orte, das Schweigen. Auch wenn er genau das Gegenteil glaubte zu wollen. Den Enkel Arthur Schnitzlers hätte ich in dieser Woche interviewen sollen, zwei Jahre schrieb er an seiner Biografie, als Enkel, als Musiker, als Urwaldretter. Zwei Tage, bevor der Medienmarathon beginnen sollte, bekam er einen Schlaganfall und verlor die Sprache. Sie wird kommen. Wir derweil lesen – „Der Geiger und der Regenwald“, erscheint nächste Woche im Amalthea Verlag. Ich hatte also ein wenig mehr Lebenszeit zur Verfügung, das verkrafte ich nur schwer. Schaute also beim Preview der Eröffnung, auch so etwas gibt es mittlerweile, der neuen Wiener Dependance des Berliner Galeristen Johann König vorbei. Sein Partner dabei ist weder unbekannt noch politisch unbeleckt, der Szenegastronom Martin Ho. Auf Mitglieder seines Freundeskreises aus der Spitzenpolitik wartete man Mittwochabend im „Kleinen Haus für Kunst“ allerdings vergeblich, die hatten sichtlich gerade keinen Kopf für 30 Bildhauerinnen. Der Mund blieb mir trotzdem offen stehen: Ob des reinen Altruismus, den beide Herren so beschworen für ihr Vorhaben an so prominenter Stelle, gegenüber der Secession, im ehemaligen Novomatic-Haus. Wieso man das denn nicht einfach glauben könne? Einmal wenigstens? Fragte Ho. Aber ja. Glauben kann man.

An das psychoanalytische Karma des Aals zum Beispiel. Im speziellen dessen, der sich zu Füßen des Hl. Jakobus am Wiener Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch so hübsch einkringelt. Nach vier Jahren ist der in jedem Touristenführer genannte Altar wieder an seinen angestammten Platz zurückgekehrt, die Akademie am Schillerplatz schließlich fertig renoviert. Wozu man das indische Raqs Media Kollektiv engagierte, die Sammlungen neu aufzustellen. Sie taten, was sie immer tun, es unendlich viel komplizierter zu machen. Und schlossen, zur absehbaren Freude vieler Besucher und extra Anreisender, tatsächlich die Flügel des Bosch-Altars. Um ja den Aal zu zeigen, der bisher niemanden interessierte. Aus Gründen, bei diesem an Grausamkeiten und Absonderlichkeiten sonst so reichen Werk. Jetzt hat es allerdings eine Geschichte, eine Absonderlichkeit mehr, das Wissen um diesen Aal, dieses phallische Wesen, von dem man bis heute nicht weiß, wie er sich vermehrt. Welchen Sex(us) er hat. Das hat schon Sigmund Freud gewurmt, der als 20jähriger in Triest 300, oder waren es 400 von ihnen sezierte. Doch der Aal barg sein intimstes Geheimnis. Die Folgen dieser Freudschen Verweigerung dürfen wir bis heute in unzähligen Sitzungen ausbaden. Oder reisen Sie. Wie ich. Lieber treiben lassen, als über Triebe zu reden. In Paris voriges Wochenende, in Palermo dieses und bald vielleicht in Rom. Im Gepäck diesmal Gurnahs „Gravel Heart“. Und „Ungeduld des Herzens“, Stefan Zweigs einzig vollendeter Roman, der bei Hanser in einer kommentierten Fassung neu herauskommt.

Die kurze Fassung ist nun einmal nichts für Ihre,

Almuth Spiegler

 

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