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Beethovens letztes Skizzenblatt

Beethovens "Zehnte" uraufgeführt

Online kann man seit dem Wochenende nachhören, wie ein Musikologen-Team mit Hilfe eines Computers versucht hat, aus den Skizzen eine Symphonie zu machen.

Die Uraufführung der zehnten Symphonie von Ludwig van Beethoven ist schon eine Schlagzeile wert. Sie ist nicht zum ersten Mal zu schreiben, denn es gab schon ein paar Versuche, aus dem Skizzenmaterial, das der Komponist hinterlassen hat, eine Zehnte zu rekonstruieren. Aber bisher war noch keine KI im Spiel, „Künstliche Intelligenz“, vulgo: Es hatte noch kein Computer mitgerechnet.

Ein deutscher Kommunikationskonzern hat es sich viel kosten lassen, und einige Musikwissenschaftler mit Computerspezialisten zusammengespannt, aufdass sie in zweijähriger Arbeit so viel von dem erhaltenen Material der KI zum Fraß vorwürfen. Was diese im Gegenzug ausgespuckt hat, wurde noch einmal der menschlichen Geschmackskontrolle unterzogen. Die hat die Vorschläge der Rechenmaschine sortiert wie Aschenputtel die Erbsen. Die guten kamen ins Kompositionstöpfchen und wurden zusammengeflickt.

Herausgekommen sind ein Scherzo und ein Finale, das eine Kreuzung von Adagio, Menuett und Händel-Concerto-grosso inklusive Orgelsolo darstellt, worauf es mit Pauken, Trompeten und Beckenschlägen endet. Das Premierenpublikum in Bonn freundlich beklatscht wurde, woraufhin einige der Beteiligten in der Diskussion versicherten, sie seien an manchen Stellen wirklich tief bewegt gewesen.

Vordergründige Assoziazionen

Voreilige Konsumenten des Livestreams werden vielleicht angemerkt haben, die Digitalingenieure hätten zwecks Grundinformation des Computerkomponisten allzu vordergründig die bekanntesten Beispiele aus dem Schaffenskatalog Beethovens gewählt: So klingt im Beginn des künstlich erstellten Scherzos fatalerweise der berüchtigte Klopfrhytmus vom Anfang der Fünften nach (nur, daß er in die andere Richtung ausgreift), zwei Minuten später hört man auch eine Paraphrase des Scherzothemas der Fünften im „Finale“ dann noch Elemente der geheimnisvollen Überleitung zum Finale.

Unverkennbar ist aber auch, daß der prägnanteste melodishe Einfall des Konstrukts der Zehnten eine Variante des Hauptthemas des langsamen Satzes der „Pathétique“-Sonate ist. Und spätestens hier muss man die private Musik- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in ihrer Entdeckerfreude schon wieder bremsen: Just diese Melodie findet sich nämlich auch - und dort gleich am Beginn des Rekonstruktionsversuchs - bei Barry Cooper, der schon vor langer Zeit ein „Zehnte Beethoven“ herausgebracht hat und bei seiner Recherche offenbar auf dasselbe Thema in den Skizzen Beethovens gestoßen ist.

Auf dem letzten Skizzenblatt des Komponisten, das sein Adlatus Schindler mit einer entsprechenden Bemerkung versehen hat, findet sich ja übrigens auch der "Schicksals-Rhythmus". Dieses Blatt hat natürlich auch Cooper gekannt. Aber er hat ohne künstliche Intelligenz gearbeitet und aus dem vorhandenen Material einen großen Satz destilliert, der verwandt mit der Form der französischen Ouvertüre ist: Zwei langsame Abschnitte umrahmen ein Allegro, in dem dann tatsächlich auch der „Schicksals-Rhythmus“ eine Rolle spielt; aber weniger vordergründig arrangiert als in der kybernetischen Variante, die uns am Wochenende vom Beethovenorchester unter Dirk Kaftan vorgesetzt wurde.

"Um das mal klarzustellen: Das ist kein Beethoven!", meinte der Dirigent im Rahmen der Diskussion. Da hat er jedenfalls recht. Neugierige können sich trotzdem via www.magenta-musik-350.de informieren. Die Produktion steht noch online.