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Mein Dienstag

Kein Land für Sensibelchen

Cyber-Mobbing Praeventionsprojekt Digitale
Ein junges Mädchen schickte sich selbst Hassnachrichten und lenkte den Verdacht auf eine Mitschülerin mit Migrationshintergrund.Alessandra Schellnegger / SZ-Pho
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In Vorarlberg machte eine Schülerin mit einem Phänomen Bekanntschaft, das ihren Weg noch in unterschiedlichen Ausprägungen kreuzen wird.

Kaum jemandem dürfte sie entgangen sein, die Geschichte einer jungen Schülerin mit Migrationshintergrund in Vorarlberg. Nachdem sie von einer Klassenkameradin beschuldigt worden war, sie über soziale Medien bedroht und beschimpft zu haben, stellte eine Lehrerin sie vor versammelter Klasse bloß.

Obwohl es keine Beweise gab und sie die Vorwürfe bestritt, durfte sie einen Monat lang nicht am Unterricht teilnehmen. Ihre gesamte Familie wurde angefeindet, vor ihrem Haus brannte sogar eine Matratze. Niemand glaubte ihr . . . bis die Staatsanwaltschaft herausfand, dass sich ihre Mitschülerin die Nachrichten selbst geschickt hatte. Warum auch immer. Rechtlich belangt kann sie nicht werden, da sie unter 14 war, als sie die falschen Anschuldigungen erhob. Mittlerweile ist Gras über die Sache gewachsen.

Übrig bleibt ein Mädchen, das zwar reingewaschen wurde, die Geschehnisse der vergangenen Monate aber sein Leben lang nicht vergessen wird. Was es jetzt braucht, ist jemand, der tröstende Worte parat hat. Der ihm sagt, dass die Schule bald vorbei ist und es mit ein bisschen Glück nie wieder mit so einer Ungerechtigkeit konfrontiert wird. Dass in der Erwachsenenwelt seine Leistung, Bildung und Persönlichkeit im Vordergrund stehen, nicht seine Herkunft. Dass sein außergewöhnlicher Einsatz und seine Erfolge im Beruf nicht sabotiert, sondern gewürdigt und gefördert werden. Dass sein Umfeld selbstbewusstes Auftreten nicht als Überheblichkeit und Undankbarkeit wahrnimmt, sondern als Zeichen von Charakterstärke und innerer Festigung. Dass es einmal jemanden ohne Migrationshintergrund kennen- und lieben lernen wird, aus dessen Familie es keine Ablehnung erfährt, weil es jetzt auch ein Teil dieser Familie ist. Dass seine Launen und Eigenheiten nicht ständig auf die Goldwaage gelegt, mit seiner Kultur in Verbindung gebracht oder als Allüren aufgefasst, sondern wohlwollend zur Kenntnis genommen werden.

Vielleicht findet sich ja jemand, der sich ein paar Minuten Zeit nimmt für dieses Mädchen, damit es nicht schon in jungen Jahren sein Urvertrauen und seine Lebensfreude verliert. Jemand, der gut lügen kann.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com