Zu Pipifax passt Audimax

Der semantische Höhepunkt des Wiener Wahlkampfs hat Potenzial, zum größten noch ungeschriebenen deutschen Gedicht beizutragen.

Die Wiener Wahl ist noch nicht vorbei. Diesen Eindruck erweckte zumindest die Gala der Viennale am Freitag. Das lag nicht am meisterhaften Eröffnungsfilm Des hommes et des dieux, sondern an den Festrednern. Viennale-Präsident Eric Pleskow und Festivalleiter Hans Hurch nutzten die Gelegenheit zu einer Abrechnung mit Reaktionären, die Kinder abschieben, und zum Lob des Roten Wien.

Irgendwie hatte man den Eindruck, dass die Laudatoren die Wiener für undankbar hielten, die doch von einem so weisen Steuermann wie Michael Häupl gelenkt würden und ihn dann nicht einmal geschlossen wählten. Dabei war Herr Strache gar nicht im Publikum. Wäre im Gartenbaukino abgestimmt worden, gefühlte 99Prozent hätten sich für die SPÖ oder zumindest für die Viennale entschieden. Angenehm kurz und trotzdem bissig war hingegen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Er ersparte dem Publikum eine längere Rede mit dem Hinweis, dass man den Text auf der Homepage www.pipifaxressort.at nachlesen könne. Das klang beinahe schon wie Abschied.

Womit wir aber beim Thema wären. Wieso wird das Wort Pipifax in Österreich so herabwürdigend behandelt? Wir bekommen von der werten Bundesregierung demnächst ein Budget, als ob es Pipifax wäre, das Bundesheer ist ein Pipi-Heer, die Verwaltungsreform bleibt seit Generationen fax, Niemanden scheint das zu stören, aber sobald das Wort Kultur auftaucht, entsichern Leute wie Frau Marek ihr loses Mundwerk und höhnen: P♣♣♣☹☹☹-Ressort!

Das muss nicht sein! Nur weil sich Fax nicht auf ÖVP reimt (nicht einmal auf Häupl oder Vassilakou), ist es an sich nicht schmutzig. Es harmoniert zumindest mit Lachs, Borax, Audimax oder sogar Dachs – hat also bisher unausgeschöpftes Potenzial, zum Erfolg der größten noch ungeschriebenen deutschen Gedichte beizutragen.

Es gibt nicht nur Pipifax-Eröffnungsreden, sondern auch Pipifax-Theater und eine Pipifax-Buchhandlung. Letztere sind seriöse, wenn auch noch nicht börsenotierte Unternehmen, bei denen es gar nicht stört, dass Pipikindersprachlich für Harn lassen oder gar schiffen steht. (Kinder von Besserverdienern sagen dazu Lulu.) Und Fax leitet nicht eine Urinprobe per Telefon weiter, sondern ist ein altbewährtes Wort, das erst im Plural seinevolle Wirkung zeigt: Narrenposen, Grimassen oder Ausflüchte sind Faxen.Es stammt vom fackes, und das ist abgelöst aus fickes-fackes. Höflich umschreibt man sie mit losen Streichen.Possenreißer, die laut dem seriösen Wörterbuch von Wahrig fickfacken, bewegen sich obszön hin und her.

Wir werden also sowohl bei den Koalitionsverhandlungen in Wien als auch bei den Budgetreden im Parlament genau auf die Körpersprache achten müssen, um zu erkennen, wer dort was wetzt, in diesem unpoetischen Herbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2010)

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