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Beruf und Familie

Ruf nach Anspruch auf Kinderbetreuung

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Die Sozialpartner fordern geschlossen einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem ersten Geburtstag. Zuletzt waren 30 Prozent der unter Dreijährigen in Betreuung.

Wenn alle Interessenvertreter einer Meinung sind, kann das nur bedeuten: Es ist ihnen ernst. Es sei wichtig, und es sei dringend – so der Tenor einer gemeinsamen Pressekonferenz der Sozialpartner und der Industriellenvereinigung zum Thema Kinderbetreuung. Sie fordern einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz, zunächst ab dem zweiten und ab Herbst 2025 dann bereits ab dem ersten Geburtstag. Der Betreuungsplatz solle qualitativ hochwertig, ganztägig und ganzjährig verfügbar und leistbar sein. „Das Ziel ist eine familienfreundliche Berufswelt“, sagte Martha Schultz, Unternehmerin und Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer. Ergänzt werden solle die institutionelle Betreuung durch Tageseltern und mitunter auch „Betreuung auf dem Bauernhof“, wie Maria Pein von der Landwirtschaftskammer vorschlug.

Wichtig sei, bei Betreuungseinrichtungen von „Bildungseinrichtungen“ zu sprechen, sagte Renate Anderl, Präsidentin der Arbeiterkammer (AK). Es gehe um hochqualitative Betreuung und Bildung schon in einem frühen Alter. Das sei entscheidend, um mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen, sagte Sabine Herlitschka, Chefin von Infineon Österreich und Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung. Um das „Barcelona-Ziel“ der EU zu erreichen, das eine Betreuungsquote von 33 Prozent bei unter Dreijährigen vorsieht, fehlten in Österreich 10.000 Betreuungsplätze.

Laut den Daten der Statistik Austria wurden voriges Jahr 27,6 Prozent der Kinder zwischen null und zwei Jahren in einem Tagesheim betreut. Das zeigt die Kindertagesheimstatistik. Bezieht man die Betreuung bei Tageseltern mit ein, betrug die Betreuungsquote im Kindergartenjahr 2019/20 bereits 30 Prozent. Dabei zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern: Am höchsten ist die Betreuungsquote bei unter Dreijährigen in Wien mit 43 Prozent (in Kindertagesheimen), gefolgt vom Burgenland mit 35 Prozent. Am niedrigsten war die Betreuungsquote zuletzt in Oberösterreich und der Steiermark mit je 18 Prozent.

Engpässe gebe es vor allem im ländlichen Raum, sagte Maria Pein von der steirischen Landwirtschaftskammer. Aus diesem Grund würden junge Frauen öfter vom Land abwandern als Männer. Von den drei- bis fünfjährigen Kindern waren österreichweit zuletzt 93 Prozent in Betreuung, mit Spitzenwerten von 97 Prozent in Niederösterreich und im Burgenland. In Österreich würden vergleichsweise wenige Frauen in Vollzeit arbeiten, so Korinna Schumann, Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende des Gewerkschaftsbundes. Nur wenn die volle Erwerbstätigkeit für Frauen ermöglicht werde, könne die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt Wirklichkeit werden, heißt es in dem Forderungspapier der Sozialpartner.

Vollzeit-Arbeit soll möglich werden

Wobei die Frage ist, wie weit die Betreuung angenommen wird, selbst wenn sie flächendeckend zur Verfügung steht. Laut einer viel beachteten Studie von Wissenschaftlern rund um den Ökonomen Josef Zweimüller von der Universität Zürich habe der starke Ausbau der Plätze in Kindergärten und Kinderkrippen in Österreich Müttern nicht geholfen, bei der Bezahlung zu den Männern aufzuschließen. Zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes liege das Erwerbseinkommen von Frauen in Österreich durchschnittlich um 51 Prozent unter dem Einkommen im Jahr vor der Geburt. Und das unabhängig davon, ob sie in Gemeinden leben, wo die Kindergartenplätze stark ausgebaut wurden.

Die Wirtschaftsforscher von Eco Austria haben die Ergebnisse weiter untersucht und festgestellt, dass praktisch der gesamte Anstieg in der Kinderbetreuung auf den Besuch am Vormittag zurückzuführen war. Auch verdrängte institutionelle Betreuung andere Betreuungsformen, etwa die Großeltern. Nicht allein der Ausbau von Kindergärten ermögliche Frauen die Vollzeitarbeit, sondern das Wie – etwa indem Gemeinden kooperieren und gemeinsam Kindergärten betreiben, wie Eco-Austria-Chefin Monika Köppl-Turyna vorschlug. Das wollen auch die Sozialpartner: Die täglichen und jährlichen Öffnungszeiten müssten so gestaltet sein, dass sie eine Vollzeitbeschäftigung für beide Eltern ermöglichen, fordern sie.