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Der ökonomische Blick

Sportswashing und Financial Fairplay im europäischen Profifußball

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Newcastle United soll durch ein Bierkonsortium übernommen werden - hinter dem die saudische Königsfamilie steckt.APA/AFP/OLI SCARFF
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Die offensichtliche Wirkungslosigkeit der Financial Fairplay Regelungen im Fußball überrascht wenig, denn es gibt eine Vielzahl von Umgehungsmöglichkeiten.

In der letzten Woche wurde bekannt, dass der englische Traditionsverein und Tabellennachzügler Newcastle United durch ein Bieterkonsortium übernommen werden soll, hinter dem das saudische Königshaus steht. Der Deal lässt in der Fußballwelt einmal mehr die Wogen hochgehen: Während die einen befürchten, die Königsfamilie wolle bloß das Image Saudi-Arabiens als Land der Menschenrechtsverletzung loswerden („sportswashing“), prognostizieren andere dem Verein eine goldene Zukunft im Konzert der europäischen Fußball-Schwergewichte.

Das saudische Engagement setzt eine Entwicklung im europäischen Spitzenfußball fort, die zunehmend auf staats- oder oligarchenfinanzierte Investoren beruht und den Wettbewerb im Ligensport nachhaltig verändert hat. Ökonomisch lässt sich eine Liga als Kartell von Unternehmen (Vereinen) charakterisieren, die untereinander im Wettbewerb stehen. Ihr Kernprodukt ist eine Dienstleistung, deren Nachfrage von der Attraktivität des Wettbewerbs abhängt. Sepp Herberger, der legendäre Trainer des deutschen Weltmeisterteams von 1954, brachte es auf den Punkt, wenn er meint: „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Spannung erzeugt also Nachfrage, und spannend ist eine Partie dann, wenn sich ebenbürtige Gegner gegenüberstehen. Jede Liga hat daher Regularien, die einen möglichst ausgeglichenen Wettbewerb gewährleisten sollen. Sie reichen von Abmachungen zur Verteilung gemeinsamer Einnahmen (z.B. Erlöse aus den TV-Rechten) über Regeln der Spielerallokation (z.B. Transferbestimmungen oder Gehaltsobergrenzen) bis zu Eingriffen in das Finanzgebaren oder die Eigentümerstruktur der Vereine (z.B. 50+1-Regel in der Deutschen Bundesliga).

„Der ökonomische Blick“ ist ein Blog, der aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen behandelt. Er entsteht in Kooperation mit der Nationalökonomischen Gesellschaft (NoeG) und der Presse. Jede Woche erscheint eine neue Ausgabe. Mehr: diepresse.com/oekonomischerblick

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

Die nachfolgende Abbildung illustriert die Ausgeglichenheit in den fünf Topligen des europäischen Fußballs über die letzten 15 Jahre. Dazu wird der sog. Herfindahl-Hirsch-Index (HHI) abgebildet, der ein verbreitetes Maß zur Messung der Wettbewerbsintensität eines Marktes darstellt und den Punktestand jedes Vereins einer Liga am Ende der Saison einbezieht. Ein HHI von 100 würde einer völligen Ausgeglichenheit entsprechen (d.h. Jeder kann Jeden schlagen); je höher der HHI, desto geringer ist die Ausgeglichenheit und damit, laut Theorie, der Spannungsgrad einer Liga. Die strichlierte Linie beschreibt den Durchschnitt des HHI über alle Ligen und den gesamten Beobachtungszeitraum.

Die Abbildung zeigt, dass die englische Premier League zwar relativ unausgeglichen ist; das Niveau des HHI hat sich in den letzten 15 Jahren allerdings kaum verändert. Die Deutsche Bundesliga und die französische Ligue 1 weisen eine höhere Ausgeglichenheit auf. In beiden Ländern ist aber eine Entwicklung zu mehr Unausgeglichenheit erkennbar; besonders scharf scheint dies in Frankreich der Fall zu sein. Auch in der italienischen Serie A und der spanischen La Liga nahm die Wettbewerbsintensität über die Jahre deutlich ab. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die europäischen Top-Ligen deutlich unausgeglichener wurden, ein Trend, der sich auch in den internationalen Club-Wettbewerben (z.B. UEFA Champions League) niederschlägt, die mittlerweile nur mehr von einem kleinen Kreis von Vereinen dominiert werden.

Interessant ist der Verlauf des HHI nach 2013/14 (rote Linie). In dieser Saison traten die Financial Fairplay (FFP) Regelungen der UEFA, dem Dachverband der Europäischen Fußballligen, in Kraft. Das FFP soll ein nachhaltiges Finanzgebaren der Vereine garantieren und letztlich den finanziellen Einfluss von Sponsoren und Mäzenen begrenzen. Das erklärte Ziel der zugrunde liegenden Regelungen besteht darin, Ausgeglichenheit in den Ligen und damit attraktive nationale und europäische Wettbewerbe sicherzustellen. Der Vergleich des HHI vor und nach dieser Saison deutet darauf hin, dass das FFP diesem Anspruch kaum gerecht wurde, eher im Gegenteil: in fast allen Ligen steigt der HHI weiter an bzw. weist teilweise starke Ausschläge nach oben auf. Die offensichtliche Wirkungslosigkeit des FFP überrascht wenig, denn ihr Regelwerk enthält eine Vielzahl von Umgehungsmöglichkeiten, die insbesondere von den größeren Vereinen genutzt werden. Auch bei Regelverstößen scheint das FFP wenig robust, wie die Niederlagen der UEFA gegen Manchester City und Paris Saint Germain vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS belegen. Hinzu kommt, dass das FFP nur jene Vereine betrifft, die an den internationalen Wettbewerben teilnehmen. Für die eingangs erwähnte Übernahme von Newcastle United würden daher nur die wesentlich lascheren „profit and sustainability rules“ der Premier League gelten.

Im Vergleich zu den europäischen Ligen sind die vier großen amerikanischen Sportligen (Football: NFL, Basketball: NBA, Baseball: MLB, Eishockey: NHL) wesentlich stärker reguliert und im Ergebnis ausgeglichener. Deren Erfahrungen und Instrumente lassen sich aber nur begrenzt auf das europäische Modell übertragen, da die Sportligen untereinander in Konkurrenz stehen und bei einer schärferen Selbstbindung in den internationalen Wettbewerben ins Hintertreffen geraten würden. Die Gehaltsobergrenze der spanischen La Liga hat heuer beispielsweise dazu geführt, dass der FC Barcelona seinen langjährigen Topstar Lionel Messi nach Paris ziehen lassen musste. Schon wird die Befürchtung laut, sein Abgang könnte dazu führen, dass der spanische Markt für andere Superstars unattraktiver wird. Ein Bedeutungsverlust der gesamten Liga und Nachteile für andere Topvereine wie Real Madrid in den europäischen Clubwettbewerben wären die Folge. Eine wirkungsvolle Regulierung des europäischen Profifußballs setzt daher eine Einigung auf übernationaler Ebene voraus. Die UEFA könnte hier eine wichtige Vermittlerrolle einnehmen und auch das FFP zu einem Instrument mit klaren und verbindlichen Wettbewerbsregeln weiterentwickeln.

Die Autoren

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Außenhandelsökonomik, empirische Industrieökonomik und angewandte Ökonometrie.

Hannes Winner ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Salzburg und wissenschaftlicher Konsulent am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Finanzwissenschaft, Gesundheits- und Sportökonomik.

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