"Meine Theatergeschichte"

Gerhard Stadelmaier ist der Erste Theaterkritiker der »Frankfurter Allgemeine Zeitung«. Zeit also, sein Buch »Parkett, Reihe 6, Mitte« fast uneingeschränkt zu loben.

Aus Frankfurt am Main stammen nicht nur die Wiener Würstchen und der titanische Goethe. Dort hat auch ein beherzter Mann aus dem Süden die Höchststrafe für jene Regisseure erfunden, die nicht seinem Geschmack entsprechen: den Verriss in 30 Zeilen, der sich auf der ersten Seite des Feuilletons der „FAZ“ zwischen ausufernden Großtexten besonders gnadenlos ausmacht.

Nicht, dass diese Kunstform bei Gerhard Stadelmaier besonders häufig vorkäme – mindestens ebenso oft gibt es Hymnen für Bondy, Breth oder Stein. Aber der erste Theaterkritiker der „FAZ“ benutzt seinen Witz eben entweder für Bewunderung oder für Verachtung. Seine Prosa ist nicht nur profund, sondern durch und durch theatralisch.

Nun hat Stadelmaier Kritiken, Glossen, Exkurse aus beinahe 30 Jahren zu einem Buch zusammengefasst (Zsolnay, 446 Seiten). „Meine Theatergeschichte“ lautet der Untertitel dieser nicht chronologisch, sondern thematisch geordneten Komposition. Das Vorwort ist eine Liebeserklärung an seinen Beruf, eine Kampfansage an jene, die eine laxe Auffassung von den Aufgaben des Kritikers haben – die Ersatz-Kulturpolitiker, Masochisten der Langeweile, Society-Hechte. Für Stadelmaier ist der Kritiker „nur Zuschauer. Er gehört zum Publikum, nicht zum Theater. Er hat dem Theater gegenüber weder eine Verpflichtung noch eine Verantwortung“. Reine Kritik also? Zumindest erfährt man hier ein nostalgisches Stück Mediengeschichte, von der Attischen Tragödie bis ins 21. Jahrhundert.

norbert.mayer@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2010)

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