Der nächste "Tatort" aus Österreich wird 2011 gezeigt. Ulli Brée hat ihn geschrieben, Wolfgang Murnberger Regie geführt. Eine Einvernahme.
Ist es für einen Drehbuchautor oder Regisseur erstrebenswert, einen „Tatort“ zu machen?
Wolfgang Murnberger: Für mich schon, weil er eine so wahnsinnig schöne Signation hat. Als ich 1997, frisch von der Filmakademie, das erste Mal das Angebot bekam, eine Folge zu schreiben und zu drehen, habe ich sofort zugesagt, weil ich diesen Trailer vor meinem Film haben wollte. Das war Grund genug.
Ulli Brée: Ich wollte immer schon einen „Tatort“ machen. Erst heuer hat es funktioniert, und dann gleich drei Mal. Allerdings hat der ORF beim ersten, den ich geschrieben habe, gekniffen. Da ging es um die Praktiken der FPÖ, die Jugend mit Parteifördergeldern ins rechte Lager zu bringen. Dann hat die Realität den Plot mit der „Am Schauplatz“-Folge eingeholt und der ORF wollte den „Tatort“ nicht produzieren.
Worin liegt der Reiz, einen „Tatort“ zu machen?
Brée: Er ist ein Fixpunkt in der Fernsehlandschaft, den so viele Menschen ansehen. Es ist ehrenvoll, einen „Tatort“ zu schreiben, und nicht verwerflich.
Murnberger: Es ist ein ausgemachtes Genre. Man weiß, was verlangt ist und was man erfüllen soll. Das weiß ich heute, beim ersten „Tatort“ wusste ich das noch nicht. Da habe ich geglaubt, ich muss ihn neu erfinden.
Das ZDF war damals nicht erfreut.
Murnberger: Ja, da gab es starke Kritik. Sie haben nicht einmal Werbung für die Folge gemacht. Der Film war ihnen zu artifiziell. Die mögen mehr das Realistische, Sozialkritische. In „Mord ohne Leichen“ war Udo Samel der Mörder, Wolfgang Hübsch der Kommissar. Es ging darum, dass der Mord wie ein Kunstwerk angelegt war, also wie man alles vorbereitet und dann die Leichen verschwinden lässt.
Welche Figur ist spannender: der Mörder oder der Ermittler?
Beide: Jeder Schauspieler wird sagen, der Mörder.
Murnberger: Gerade im „Tatort“ ist aber der Ermittler die Hauptfigur und somit auch die spannendere Person. Es werden auch die privaten Facetten gezeigt.
Diese private Seite der Ermittler überlagert immer öfter auf anstrengende Weise den Kriminalfall.
Murnberger: Ja, das wird immer stärker. Das sind Trends, die ein „Tatort“ auslöst, und dann machen es alle nach.
Brée: Mich interessiert das meistens mehr als der Fall. Wenn da kein Todesfall wäre, wäre es mir auch egal. Das Gegenbeispiel ist die Serie „Soko Donau“. Da weiß ich so gut wie nichts über die Ermittler, so wie früher bei „Derrick“. Gerade der „Tatort“ wird als Medium verwendet, um gesellschaftliche Phänomene zu transportieren.
Wie ist das beim nächsten Österreich-„Tatort“ „Vergeltung“, den Sie beide gemacht haben?
Murnberger: Da ist es ganz speziell, weil Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser) eine Ko-Kommissarin bekommt. Deshalb musste der Kriminalfall eher knapp erzählt werden. Wenn die Bibi eingeführt ist, muss man nicht mehr so viel erklären.
Dass der Kommissar eine Partnerin bekommt: Wer entscheidet so etwas: ?
Brée: Die Grundidee kam von Harald Krassnitzer. Der bespricht das mit dem verantwortlichen ORF-Redakteur Alexander Vedernjak, und der sagt es mir.
Welche Vorgaben gibt es sonst noch vom Sender?
Brée: Dass ein Mord passiert, möglichst zu Beginn.
Murnberger: Fix ist das Team. Aber beim ersten Mal 1997 habe ich noch eine schriftliche Anforderungsliste bekommen. Da stand zum Beispiel „Erstes Mordopfer in Minute sieben“. Es durfte nicht zu brutal sein, und die Geschichte sollte möglichst realistisch sein. An ein paar Dinge habe ich mich damals eben nicht gehalten.
Wie und wo bewirbt man sich für einen „Tatort“?
Beide: Bewerben?Man wird gefragt.
Ist das ein lukrativer Job?
Brée: Er ist genauso lukrativ wie ein Fernsehfilm mit 90 Minuten.
Murnberger: In Österreich ist der Markt aber ohnehin sehr überschaubar, da kennen alle Fernsehmacher alle Regisseure. In Deutschland ist man, wenn man einmal einen gemacht hat, danach sicher im ganzen Land bekannt.
Wie lange brauchen Sie, um eine Folge zu schreiben?
Brée: Das ist bei mir heikel, weil ich ein Schnellschreiber bin. Aber alles in allem arbeite ich einen Monat an einem Buch für 90 Minuten.
Welche Rolle spielt der Sendeplatz für den anhaltenden Erfolg des „Tatort“?
Brée: Der ist nicht nur beim „Tatort“ wichtig.
Murnberger: Der Sendeplatz macht sehr viel aus. Man kann einen Film durch den Sendeplatz pushen oder vernichten. Das ist wie bei einem Lokal, das man seit 20 Jahren kennt, in dem man beim Essen nie enttäuscht wurde. Wo man weiß, was man kriegt, wenn man einschaltet. Deswegen finde ich es auch richtig, das zu erfüllen. Wenn es Experimente gibt, müssen die immer sehr vorsichtig sein.
Wie kann man dennoch aus diesem Korsett ausbrechen?
Murnberger: Gar nicht. Das wäre wie ein Bauernschmaus mit Nudeln statt Knödeln.
Brée: Mit neuen Figuren. Ich habe versucht, mit Bibi Fellner eine neue Marke zu schaffen. Grundsätzlich darf man ein bestehendes System nicht zu sehr aufmischen, sonst ist es kein System mehr.
Sind Sie regelmäßige „Tatort“-Seher?
Murnberger: Eigentlich nicht, und wenn, auf DVD. Ich bin kein Fernsehhocker.
Brée: Ich schaue schon, aber sicher mehr, seitdem ich ihn auch schreibe.
Welcher Kommissar ist Ihr Liebling?
Beide: Moritz Eisner.
Das müssen Sie natürlich sagen!
Murnberger: Was soll ich sonst sagen? Mich interessiert nur der österreichische „Tatort“, weil mich die österreichischen Geschichten interessieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2010)