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Doku

Velvet Underground: "Wir hassen Hippies"

"Twangy sounds of the cheapest kind": Velvet Underground beim Produktionsprozess.Apple TV+
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Pop-Maniac Todd Haynes hat eine Dokumentation über Velvet Underground gemacht – mit viel Originalmaterial aus der New Yorker Kunstszene um Andy Warhol.

Pop-Mythologie ist diesem Regisseur ein Herzensanliegen. Todd Haynes spaltete in „I'm Not There“ (2007) Bob Dylan in sechs Rollen, in „Velvet Goldmine“ (1998) ließ er eine Chimäre aus David Bowie und Oscar Wilde durch eine wirre Glamrock-Welt taumeln.

Nun also eine Dokumentation über Velvet Underground, die Band, die schon deshalb zum Mythos wurde, weil sie in ihrer aktiven Zeit nur von einer Minderheit in ihrer Bedeutung erkannt wurde. Unter anderem vom naiv-schlauen Songpoeten Jonathan Richman, der ein früher Fan war. In seinem Song „Velvet Underground“ hat er sie verschmitzt gewürdigt („Twangy sounds of the cheapest kind“, „Like the heat's turned off and you can't pay the bill“) und beseelt nachgeäfft. Todd Haynes lässt ihn nun als Zeitzeugen ausführlich zu Wort kommen, der Zuseher reagiert unwillkürlich: Da schau dir einer an, das ewige Kind Jonathan ist auch alt geworden! Das ist der inhärente Anachronismus einer solchen Pop-Doku: Alte Menschen sprechen über eine sehr junge Zeit, denn das waren die Sixties.

Sie waren so jung und wild, dass selbst Hits von damals heute jedes Radioformat sprengen, man denke nur an „My Generation“ von The Who. Erst recht natürlich diese programmatisch radikale Band. Auch wenn man die Viola am Anfang von „Venus in Furs“ schon tausendmal gehört hat, sie geht noch immer ins Mark. Haynes lässt sie gleich zu Beginn kreischen.

Lou Reeds traurige Augen

Bald darauf kommt die erste Großaufnahme: Lou Reeds Augen. Ohne Sonnenbrille, cool und traurig zugleich. Sie sind ein optisches Leitmotiv des Films, zu Recht. Freilich haben John Cales (von E-Musik-Avantgardisten wie John Cage inspirierte) Klangexperimente zum finsteren Flair von Velvet Underground beigetragen, aber sie wären Tand ohne Lou Reeds charakteristisch brüchige Stimme, ohne seine Neurosen und nervösen Texte. Haynes macht den Fehler, diese Nervosität – und dazu die ästhetischen Attacken der New Yorker Kunstszene auf dem Höhepunkt ihres kreativen Irrsinns – in seinen Collagen nachahmen zu wollen. Das kann nicht gelingen. Immerhin hat er viele Fundstücke zusammengetragen, vor allem aus dem Andy Warhol Museum. Einmal sieht man sogar Mick Jagger mit Banane. Coolness oblige.

Gegen Halbzeit des Films ein krasser Szenenwechsel: Die nächtlichen New Yorker auf Besuch im Sonnenparadies Kalifornien, man meint zu spüren, wie ihnen die Augen wehtaten. Und wie sie die Hippies hassten, Frank Zappa inklusive. Aber das sagten sie ja auch explizit: In solchen Passagen glimmt sogar in den Augen der guten Schlagzeugerin Maureen Tucker ein wenig Verachtung. Umso beseelter singt sie dann „Afterhours“. Allein für solche Momente ist diese Doku sehenswert.

Ab 15. 10. auf Apple TV+
Vorführungen: 15. und 17. 10. im Filmcasino