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Erinnerungen

Eine Kindheit in Gelb

Klaus Edlinger: Der weiß melierte Herbst-Mann blickt in seinen grünen Frühling zurück.
Klaus Edlinger: Der weiß melierte Herbst-Mann blickt in seinen grünen Frühling zurück.Die Presse/Clemens Fabry
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Ex-ORF-Journalist Klaus Edlinger hat ein kluges, berührendes und witziges Buch über das Aufwachsen in der Südoststeiermark geschrieben.

Sie sind voller Farben und Gerüche, die Erinnerungen an seine Kindheit in der Südoststeiermark, die der langjährige ORF-Journalist und „ZiB“-Moderator Klaus Edlinger jetzt vorlegte. Heu und Holler duften, die Melkeimer scheppern, vor allem aber dominiert die Farbe Gelb in „Maisopotamien“, diesem agrarischen Zwischenstromland zwischen Raab und Mur.

„Alles war gelb, die Sonne, die Maiskolben, der Löwenzahn, der Raps, der Most, die Kürbisse, die Monstranz, die glitzernden Instrumente der Blasmusik, die Lichtmess-Krapfen und die Finger der rauchenden alten Männer im Dorf.“ Dieser bunte Strauß an Eindrücken nimmt vorweg, was das Buch auszeichnet: „Mama, Papa, das Land und die Leute“ ist gleichermaßen liebevolles „Nacherleben“ der Kindheit wie kluge Reflexion über die Gegenwart, getragen von Emotion, Ernsthaftigkeit und Humor. „Dieses Buch ist meine Abwehr gegen jede Form von Zynismus und Sarkasmus“, sagt Edlinger. „Es steht für meine Sehnsucht nach der Mitte, nach Harmonie: schön, lieb, uneitel, warm.“ Ein „weiß melierter Herbst-Mann“ blicke hier „in seinen grünen Frühling zurück“.
Wie wahr diese Rückblicke sind, ist für Klaus Edlinger weniger wichtig, als wie wirklich sie sind. „Meine Erinnerung an mein strahlend rotes Kinderfahrrad ist so wirklich, wie es dieses Fahrrad einmal war, auch wenn das längst ein Haufen Schrott ist“, meint er. Er habe sich bemüht, nicht zu lügen, „außer wenn ich das Gefühl hatte, mit einer Lüge der Wahrheit näherzukommen“.

Einiges wurde aber sehr wohl verändert. Namen zum Beispiel. So kommt Edlingers Geburtsort nie namentlich vor. Dass das Dorf, das bis 1989 im letzten Winkel der westlichen Welt lag, Sankt Stefan im Rosental heißt, ist allerdings ein offenes Geheimnis. Diesen Geburtsort teilt Edlinger im Übrigen mit dem ehemaligen Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser und dem Star-Koch Johann Lafer.

Kampf mit Bären und Windeln

Auch seinen ersten „ewigen Lieben“ gönnt Edlinger ein gewisses Maß an Diskretion. Etwa der Korber Vreni, die es ihm besonders angetan hatte. Um sie zu beeindrucken, legte er sich sogar mit einem Bären an. Edlinger, damals aufgrund der deutschen Heldensagen in „Drachentöter-Stimmung“, forderte einen dressierten Bären (an der Kette und mit umwickelten Tatzen) zum Zweikampf heraus. Der Bär, kaum größer als der junge Edlinger, „schaute verdutzt. Dann schlug er mit einer Tatze gegen meinen Hintern und schoss mich wie einen Schlagball mitten in die Zuschauermenge.“ Der Auftritt des Helden endete mit roten Ohren. Ebenso wie Edlingers Theaterdebüt in der Rolle des Königs in „Dornröschen“, wo er im Eifer des Gefechts brüllte, er werde „alle Windeln im Land“ verbrennen lassen. Statt der Spindeln. Die Korber Vreni war schon damals seine Königin, im Leben wie auf der Bühne. Sie brüllte ebenfalls. Vor Lachen.

Nicht viel glorreicher verlief Edlingers Karriere als Fußballer. Der örtliche Verein spielte so schlecht, dass Edlingers Vater jeden Sonntag wutentbrannt als Präsident zurücktrat, nur um am Mittwoch auf den Posten zurückzukehren. Die Passion für den Fußball blieb eine lebenslange, wenn auch passive. Ebenso wie Edlingers Reise- und Abenteuerlust. Daran ist allerdings nichts passiv. Für 2022 plant der mittlerweile 76-Jährige eine Radtour von Edinburgh nach Paris. Dazwischen wandert er viel: „Gehen ist wie Schreiben: ein Schritt, ein Buchstabe nach dem anderen.“