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Quergeschrieben

Zuerst an den Pranger, dann erst vor Gericht

Die Chatprotokolle wurden auf der Bühne des Burgtheaters verlesen.
Die Chatprotokolle wurden auf der Bühne des Burgtheaters verlesen.(c) Lukas Beck
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Es gäbe brillante Literatur, mit der Martin Kušej das Publikum über den aktuellen Anlass hinaus sensibiliseren könnte. Die Verlesung der Chats zählt nicht dazu.

Beinahe so widerwärtig wie die machtgeile Hybris der einen ist dieser Tage die zur Schau getragene moralische Selbstgefälligkeit der anderen, die mit der Verlesung der Chatprotokolle auf der Bühne des Burgtheaters ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Selbst im Mittelalter wurden nicht die eines Verbrechens verdächtigten, sondern bereits von einem Richter verurteilten Menschen an den Pranger gestellt. Im 21. Jahrhundert funktioniert das offenbar anders herum: Zuerst der (sozialmediale) Schandpfahl, dann die Gerichtsverhandlung. Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich muss die WKStA ungehindert ermitteln können und strafrechtlich Relevantes vor Gericht bringen. Nicht nur die buchstabengetreue Einhaltung der Gesetze ist für Politiker zwingend, sondern auch ein ethisches Bewusstsein. Dass aber nun mutmaßliche Rechtsbrüche mit Rechtsbrüchen wie dem Leaken beschlagnahmter Chats und Smsereien geahndet werden, ist befremdlich.