Österreicher-Vermessung: 45 Minuten Austro-Statistik

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TV-Doku: Werner Bootes Porträt des „Durchschnitts-Österreichers“ zeigt auch, wie sehr sich Selbst- und Fremdbild des Landes unterscheiden.

Herr und Frau Österreicher sind Frühaufsteher, Kaffeetrinker, Raucher und Kunstbanausen. Sie haben ein großes Sicherheitsbedürfnis, sind besonders tierlieb, aber nicht besonders ausländerfreundlich. All das sind Dinge, die wir schon gewusst oder zumindest geahnt haben. Werner Boote aber lässt uns in seiner Dokumentation „Was Sie schon immer über Österreich wissen wollten“ keine Ruhe. 45 Minuten lang bombardiert er uns mit Zahlenmaterial und Umfrageergebnissen über den typischen Österreicher (177 cm, 81 kg) und die typische Österreicherin (165 cm, 67 kg).

Dabei prasseln die Informationen von mehreren Seiten auf den Zuseher ein: die Stimme aus dem Off, der eingeblendete Text auf dem unteren Bildrand, die Informationen von der Meinungsforscherin und dem Statistiker. Dazwischen zeigt Boote Kurzinterviews mit Österreichern: vom 80-jährigen Tiroler „Bergfex“ über den 25-jährigen Segel- und Skilehrer aus Kärnten, der noch im „Hotel Mama“ wohnt, bis zur Wiener Besitzerin eines Stundenhotels.

Thomas, Sabine und Lukas auf 100 m2

Im Kern wird ein typischer Tag einer typischen österreichischen Familie gezeigt. Die trägt am häufigsten den Namen Gruber und besteht aus Vater Thomas, Mutter Sabine und Sohn Lukas. Sie leben auf 100m2 mit vier Wohnräumen, stehen im internationalen Vergleich extrem früh auf (6 Uhr). Die Eltern arbeiten rund 8,15 Stunden im Dienstleistungssektor und verbringen rund 74 Prozent ihrer Arbeitszeit produktiv. Ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist Fernsehen, ein Prozent der Freizeit ist für kulturelle Angebote reserviert. Die beliebteste Wortfolge am Küchentisch lautet: „Gibt's net, hamma net, brauchma net.“ Zwischen die Statistiken mischt sich skurril-seltsames Datenmaterial: So hat der Teppich im Wohnzimmer einer Familie angeblich durchschnittlich einen Schmutzfleck, der Pyjama des Österreichers die Farbe blau, jeder dritte Socken ein Loch, Frauen putzen öfter das WC als Männer und sie tun es häufiger im Westen als im Osten.

Diese Zahlenspielereien sind freilich nur das Füllmaterial für eine nicht neue, aber ernüchternde Erkenntnis: Die Österreicher sind Weltmeister darin, sich und ihr Land schönzureden. Sie halten sich etwa für „sehr gesellig“, die Statistik verrät allerdings, dass sie im Vergleich zu anderen Europäern im unteren Feld liegen, wenn es tatsächlich darum geht, Gäste einzuladen. Sie glauben, dass es einem nirgends so gutgeht wie hierzulande. Und auch wenn die im Film porträtierten Personen behaupten, sie hätten kein Problem mit Ausländern („Wieso sollt ich Angst vor Ausländern haben?“), zeigt die Statistik: 48 Prozent der Österreicher sind ausländerfeindlich.

Zwar meint Angelika Kofler vom Meinungsforschungsinstitut GfK Austria: „Es gibt Grenzen in der Forschung. Die absolute Wahrheit wird man wahrscheinlich nie erfahren.“ Allerdings spricht sie dabei vom Thema Geschlechtsverkehr. „Was wirklich abläuft in den Schlafzimmern, wird man nicht herausbekommen.“ Österreicher würden vielmehr sagen, „was sie gerne hätten oder denken, was gut wäre“, so Kofler.

Bootes Dokumentation läuft am Nationalfeiertag um 23.10 Uhr auf ORF2. Der durchschnittliche Österreicher wird sie nicht sehen. Er geht um 22.30 Uhr schlafen.

Nationalfeiertag im ORF

Im „Kulturmontag Spezial“ (ORF 2, ab 23Uhr) widmet sich der ORF heute, Montag, der österreichischen Nation. In „Was Sie schon immer über Österreich wissen wollten“ (23.10 Uhr) skizziert Regisseur Werner Boote anhand von Statistiken und Umfrageergebnissen den typischen Österreicher als sicherheitsfanatischen und tierliebenden Frühaufsteher. Dirk Stermann ermittelt danach den „Superdialekt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2010)

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