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Viennale

Mit Stricknadeln gegen den Fötus

Vorzeigestudentin Anne (Anamaria Vartomolei) versucht ihre Schwangerschaft zu verheimlichen und zu beenden - es wird ein Alptraum.Wild Bunch
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Eine Studentin versucht im Paris der 1960er abzutreiben: Der preisgekrönte Eröffnungsfilm der Viennale „Das Ereignis“ erzählt (zum Teil), was einer berühmten Autorin widerfuhr.

Wir schreiben die noch jungen Sechzigerjahre in Paris. Fast ein Jahrzehnt ist es noch bis zum kollektiven Bekenntnis „Wir haben abgetrieben“ im deutschen Magazin „Stern“, das die Feministin Alice Schwarzer initiieren wird. In den Geisteswissenschaften gibt es teilweise mehr Studentinnen als Studenten, doch über das Berufsleben danach sagt das wenig aus. Manche werden Lehrerinnen, viele Hausfrauen, und wenn sie bei den Prüfungen versagen, bedeutet das oft den direkten Weg in die frühe Ehe. Die Zeit des Studiums ist dennoch eine der Freiheit, man geht auf Partys, tanzt Rock 'n' Roll. Doch was, wenn das Schlimmste dabei rauskommt: eine Schwangerschaft?

Das passiert der Studentin Anne im französischen Film „Das Ereignis“. Am heutigen Donnerstag wird er zur Eröffnung der Viennale gezeigt, bald darauf kommt er in österreichische Kinos. Preisgekrönt wurde das Werk bereits vergangenen September in Venedig, wo es den Goldenen Löwen gewann – wenige Tage, bevor in Texas das gegenwärtig strengste Abtreibungsgesetz der USA in Kraft trat. Über das Recht auf Abtreibung wird derzeit auch in Ländern heftig gestritten, die nicht so weit von Österreich oder Frankreich liegen. Und in Österreich selbst gibt es durch die Migration wohl viele junge Frauen, deren Situation jener der Hauptfigur in diesem Film nicht ganz unähnlich ist.

Schon die Beihilfe war strafbar

Dennoch sollte der Film „Das Ereignis“ der Regisseurin Audrey Diwan nicht vor allem als Beitrag zu Gegenwartsdebatten verstanden werden. Eindringlich gerade in seiner Nüchternheit und mit ausgezeichneter Hauptdarstellerin (Anamaria Vartolomei), führt er dem Publikum präzise die gesellschaftlichen Umstände und die Befindlichkeit einer jungen Frau in den 1960ern vor Augen: zu einer Zeit, als nicht nur die Abtreibung selbst, sondern auch Beihilfe dazu strafbar war. Unbedingt will Anne in diesem Film ihr Studium abschließen, das ihr die wenig betuchten Eltern mühsam ermöglichen, sie brennt für die Literatur und will daraus ihren Beruf machen. Wenn sie jedoch diesen Fötus behält, behalten muss, dann ist es für immer vorbei mit ihren Plänen und Träumen.

Es gibt eine literarische Vorlage dafür: Eine der renommiertesten französischen Autorinnen der Gegenwart, die heute 81-jährige Annie Ernaux, ist 1963 durch diese Hölle gegangen. Seit den 1970er-Jahren schreibt Ernaux Werke, die von ihrem Leben als Frau und Arbeitertochter ausgehen und dabei autobiografische Reflexion mit der Darstellung von Milieus und gesellschaftlichen Veränderungen verbinden. Lebensgeschichte ist bei ihr immer sozial und politisch bedingt. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie ihr kurzes Buch „L'événement“, in dem sie über ihre Abtreibung 1963 schreibt – darauf stützt sich der Film. Die Verfilmung hat nun auch mit 21 Jahren Verspätung zu einer deutschen Übersetzung geführt: Im September ist „Das Ereignis“ bei Suhrkamp erschienen.

Ein „Abtreibungsmittel“ stärkt das Baby

Die Verfilmung verwendet Episoden aus Ernaux' Bericht, in Grundzügen und zum Teil auch in Details. Den Abtreibungsversuch mit Stricknadel etwa. Den Arzt, der vorgibt, Anne ein Abtreibungsmittel zu geben – das aber in Wirklichkeit das Baby stärkt. Die ängstlich zurückschreckenden Freundinnen. Den jungen Mann, von dem sie sich Hilfe bei der Suche nach einer „Engelmacherin“ erhofft und der sie stattdessen zum Sex überreden will. Den Kindesvater mit seinen halbherzigen Hilfeversuchen, der letztlich doch nur tut, was ihm die Gesellschaft ermöglicht: sich aus der Verantwortung zu stehlen. Dazuerfunden sind Männer, die Verständnis für Annes Wunsch nach Selbstverwirklichung haben: ein junger Unilehrer oder ein Arzt, der nur den Schritt zur Straftat scheut. Der Film zeigt Anne mutig und entschlossen wie im Buch, aber auch verzweifelter. Er mildert den kalten Ton, die Drastik von Ernaux' Rückschau. Etwa dort, wo im Buch nach dem endlich gelungenen x-ten Abtreibungsversuch „eine kleine Babypuppe an einer rötlichen Schnur“ aus Annes Körper hängt, die sie von der Toilette ins Zimmer schleppen muss, damit eine Mitbewohnerin die Nabelschnur durchtrennt. Es bleibt auch im Film schlimm genug.

Im Buch prägt die Perspektive des Rückblicks die Schilderung. Ernaux will auch nicht Zeugnis ablegen, sie will aus Erlebtem Literatur machen. Der Film hingegen vergegenwärtigt mit drei qualvollen Monaten eines Frauenlebens die Ungerechtigkeit einer Zeit, in der noch manche an einer heimlichen Abtreibung starben. Im heutigen Österreich können sich das die meisten kaum vorstellen. Gott sei Dank.

„Das Ereignis“ ist heute, Donnerstag, abends in mehreren Wiener Kinos zu sehen – und noch einmal am Freitag im Gartenbaukino um 11.30 Uhr.