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Erfolg international

Vom Mut, den eigenen Weg zu krönen

Außenminister Michael Linhart mit Anna Kiesenhofer. Die in der Schweiz lebende Radrennfahrerin, die bei den Olympischen Spielen in Tokio Gold gewann, wurde in der Kategorie Erfolg international prämiert.(C) DiePresse
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Mathematikerin als Olympiasiegerin: Zu mehr Glauben an sich selbst als an Autoritäten und Titel rät Anna Kiesenhofer nach ihrer Rad-Sensation in Tokio.

Als Anna Kiesenhofer am 25. Juli 2021 in Tokio die Ziellinie des olympischen Straßenrennens sensationell als Erste überquerte, habe sie die sportliche Dimension ihrer Leistung gleich realisiert. „Ich war stolz, denn es war nicht Glück oder Zufall, sondern harte Arbeit“, erklärte sie. Ausgerechnet eine hauptberufliche Mathematikerin bescherte Österreich das erste Olympiagold seit 2004 und erst das zweite überhaupt im Radsport – nach 125 Jahren. Was ihre Geschichte, die eines Erfolgs entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, für ein ganzes Land bedeuten würde, konnte sich die 30-Jährige damals hingegen noch nicht ausmalen. Die vergangenen Monate bescherten ihr nun eine wichtige Erkenntnis.

„Ich habe erst danach verstanden, was das für so viele andere bedeutet, wie viele es inspiriert oder motiviert“, sagte Kiesenhofer, nachdem sie von Außenminister Michael Linhart die Austria-Trophäe entgegengenommen hatte. In ihrer Dankesrede machte Kiesenhofer Mut, ihrem Beispiel zu folgen und nicht immer den konventionellen Weg zu gehen. „Ich habe es anders als alle anderen gemacht, und das war der Schlüssel zum Erfolg.“ Sie setzte sich in der Kategorie Erfolg international gegen Choreografin Lilly Leithner und Sebastian Stricker, Gründer und Unternehmer von share, durch.

Selbstbewusst auch ohne Medaille

In Eigenregie trainierte Kiesenhofer neben ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit zur partiellen Differenzialgleichung an der École Polytechnique Fédérale in Lausanne. Den Versuch bei einem Profi-Radrennstall hatte sie 2017 nach wenigen Monaten wieder beendet, weil ihr der körperliche und psychische Stress zu viel geworden war. Sie selbst übernahm fortan die Organisation, arbeitete nicht weniger professionell, aber viel zielgerichteter. Mit Autoritätspersonen habe sie gerade im Sport nicht immer die besten Erfahrungen gemacht, im Gegensatz zur Mathematik, bei der jede Theorie einen Beweis verlangt, hätten viele Trainer geglaubt, alles zu wissen. „In Österreich ist die Gläubigkeit an Titel sehr groß, aber es zählt der Mensch“, sagte Kiesenhofer. „Jetzt, wo ich selbst einige Titel habe, ist mir bewusst, dass es gar nicht so etwas Besonderes ist.“ Und es sollte auch gar keine Symbole brauchen, um für sich einzustehen. „Es wäre gut gewesen, schon fünf Jahre früher mit einem Selbstbewusstsein wie dem einer Olympiasiegerin zu meinen Meinungen zu stehen.“

Ihre Stunden an der Universität hat Kiesenhofer inzwischen reduziert, um die vielen Termine wahrnehmen zu können: Erst vergangene Woche wurde sie auch als Österreichs Sportlerin des Jahres ausgezeichnet, als überhaupt erste Radfahrerin. Trotz der vielen Gala-Auftritte verfüge sie noch nicht über eine passende Handtasche, bemerkte sie am Mittwoch scherzhaft, als sie ihr Turnsackerl unter dem Tisch verstaute.

Ich habe es anders als alle anderen gemacht, und das war der Schlüssel zum Erfolg. Es war nicht Glück oder Zufall, sondern harte Arbeit.

Anna Kiesenhofer, Mathematikerin und Rad-Olympiasiegerin

Kiesenhofer wird ihren Weg weitergehen, nur wie lang wird das Olympiagold noch so hell strahlen? Es war passend, dass Außenminister Linhart, angesprochen auf das Bild Österreichs im Ausland, Kultur, Künste, Landschaft oder Gastfreundschaft aufzählte, nicht aber den Sport. Das Land lässt seine Helden zwar hochleben, allerdings immer noch zu oft nur in der Stunde des Erfolges. Dem Radsport möchte die Sensationssiegern jedenfalls noch einige weitere Jahre treu bleiben, die Ziele gilt es nach dem Coup von Tokio neu zu definieren. Straßenrennen sind aber ohnehin eigentlich nicht ihr angestammtes Metier, künftig wird sie sich wieder auf das Zeitfahren konzentrieren. Auch „Everesting“ hat Kiesenhofers Interesse geweckt: Dabei gilt es einen frei gewählten Berg so oft zu bewältigen, dass kumulativ 8848 m erklommen werden. Als Mathematikerin scheint sie prädestiniert, die dafür optimale Abstimmung aus maximaler Steigung bei möglichst sparsamem Kraftaufwand zu ermitteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2021)