Der Rubel in der Staatskasse rollt. Und das in einer Fülle, wie sie das Land seit ganz vielen Jahren nicht gesehen hat. Allein Erdöl, Russlands wichtigstes Exportgut, kostet mit 85 Dollar je Fass so viel wie seit dem epochalen Preissturz 2014 – von zuvor 115 Dollar auf zwischenzeitlich unter 30 Dollar – nur ein einziges Mal kurz im Jahr 2018. Die Notierungen für russisches Erdgas, das zweitwichtigste Exportgut, liegen seit Wochen überhaupt höher als in der Spitze des Rohstoffbooms 2008.
Gefährliche Tendenz
Der Staat hat also Geld und kaum Schulden. Ganz im Gegensatz zu den russischen Bürgern. Sie haben schon weitaus bessere Zeiten erlebt. Weil der Staat seit dem Wirtschaftsschock 2014 spart, was das Zeug hält, spüren sie vom Geldsegen jetzt nur wenig. Dafür leben sie inzwischen so sehr auf Pump, dass selbst die Zentralbank wiederholt Alarm geschrien hat. Bildet sich da aus der Schuldenorgie gerade eine gefährliche Blase?
Die Schulden der Bevölkerung bei den Banken sind binnen eines Jahres um 26 Prozent gestiegen und haben 23 Billionen Rubel erreicht. Damit haben sie zum ersten Mal in der Geschichte mit der Summe gleichgezogen, die die Menschen auf Rubelkonten halten.
Abgesehen von Hypotheken ist vor allem bei Verbraucherkrediten das Tempo hoch. Letztere legten laut Zentralbank in den ersten acht Monaten um 14 Prozent auf 11,1 Bio. Rubel zu. Der Rekord wurde im August aufgestellt, als 1,82 Millionen unbesicherte Konsumkredite zu einer Summe von 646,7 Milliarden Rubel vergeben wurden.
Man hütet sich in Russland, das Wort Blase allzu schnell zu verwenden. Und doch ist längst nicht nur die Zentralbank hellhörig geworden. „Vielleicht ist die Situation noch nicht ganz kritisch“, sagt Igor Nikolajew, Chef des Moskauer FBK-Instituts für strategische und makroökonomische Analyse, im Gespräch mit der „Presse“: „Aber die Tendenz ist es in jedem Fall. Und sie hält unvermindert an.“
Auf den ersten Blick scheinen Wirtschaft und Konsum zu laufen wie geschmiert. Erstere schnellte nach der Corona-Rezession zuletzt nach oben und übertraf im Juni saisonbereinigt gar das Vorkrisenniveau des vierten Quartals 2019. Auch die Konsumnachfrage erreichte ihres im ersten Halbjahr.
Schein und Sein
Doch der Schein trügt. Die Wirtschaft nämlich, die heuer immerhin mit drei Prozent wächst, dürfte Prognosen zufolge schon 2022 wieder in den Stagnationsmodus verfallen, in dem sie sich bereits seit einem halben Jahrzehnt befindet. Und die jetzige Konsumnachfrage ist nicht von erwirtschaftetem, sondern zu zwei Dritteln von geliehenem Geld getrieben, wie einer Analyse der Raiffeisenbank vom September zu entnehmen ist: „Die Beschleunigung bei den Konsumkrediten und das geringere Einlagenwachstum bleiben die entscheidenden Gründe für den gesteigerten Konsum“, heißt es dort.
Eine heikle Entwicklung, „denn die real verfügbaren Einkommen gehen seit vielen Jahren zurück“, sagt Ökonom Nikolajew.
Der Paradigmenwechsel kam bereits 2014. Bis dahin hatte das ölpreis- und konsumgetriebene Wirtschaftsmodell für Perspektiven und steigende Löhne gesorgt. Der Ölpreisverfall von 2014 und die Sanktionen infolge der Krim-Annexion markierten das Ende dieses Modells. Weil sich dann aber das nötige innovationsgetriebene Modell aufgrund der Zurückhaltung aus- wie inländischer Investoren nicht einstellte, verfiel Russland nach der Rezession 2015 in eine anhaltende Stagnation. Das Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen 2013 und 2020 laut Statistikamt im Schnitt jährlich mit nur noch 0,5 Prozent. Und: Die real verfügbaren Einkommen sanken seither um über zehn Prozent.
Putin selbst nannte neulich die niedrigen Einkommen, die monatlich im Schnitt nur einige Hundert Euro betragen, den „Hauptfeind“ bzw. die größte Gefahr für das Land. Der Einkommenszuwachs sei heute die Hauptaufgabe, sagte er im US-TV-Sender CNBC.
Inflation und Leitzins
Immerhin steigen Löhne und Beschäftigung derzeit wieder. Laut Wirtschaftsministerium aber nicht genug, um den vorjährigen Verlust zu kompensieren, sodass die Tendenz bei den real verfügbaren Einkommen gegenüber 2019 negativ bleibt. Denn inzwischen ist auch Russland von der weltweiten Inflation erfasst. Die Teuerung werde laut Ministerium statt der bisher prognostizierten 5,8 Prozent 7,4 Prozent betragen. Zum Teil liegt das freilich an hausgemachten Faktoren wie dem Importembargo auf Lebensmittel, mit dem Putin es dem Westen heimzahlen will, und dem Mangel an marktwirtschaftlicher Konkurrenz.
Die Zentralbank, die als Inflationsziel vier Prozent angibt, hebt im Gegensatz zum Westen den Leitzins am laufenden Band an. Aktuell steht er bei 6,75 Prozent. Zu Jahresbeginn waren es 4,25.
Der schwarze Tag
Das alles macht die Kredite noch teurer. Den Kreditboom hat es aber nicht gebremst. Dies auch deshalb, da für viele das geborgte Geld zur Überlebensfrage geworden ist. Wie Alexandr Dokukin vom Moskauer Hilfezentrum für Kreditschuldner in einem Interview sagte, bezahlen etwa 20 Prozent der Russen eine medizinische Behandlung mit einem Kredit, 18 Prozent die Ausbildung der Kinder und deutlich mehr noch die Zinsen eines bereits laufenden Darlehens. Das betreffe auch immer mehr Pensionisten. Für die meisten bliebe nur ein Privatkonkurs als Ausweg.
Kein Wunder angesichts durchschnittlicher Kreditzinsen von zehn bis 14 Prozent. Um dem Teufelskreis zu entkommen und die Einkommen der Menschen endlich wieder zu erhöhen, müsste wohl an vielen Stellschrauben gedreht werden. Unter anderem könnte der Staat seine eiserne Sparwut hinterfragen, meint Ökonom Nikolajew. „Der Staat spart für den sogenannten schwarzen Tag. Aber wann wird er schwarz genug sein, damit die Regierung auch wieder mehr Geld ausgibt?“