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Architekturtrends

Von „Schandmalen“ zu Ikonen: Die Moderne in der Stadt

Immobilien
Peter Gugerell
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Was es braucht, um mitten im Kulturerbe zeitgenössisch zu bauen.

Das architektonische Wien war empört ob des neumodischen Schandmals mitten in der Stadt: Als Kornspeicher und „Haus ohne Augenbrauen“ wurde es betitelt, mit der Optik eines Kanalgitters verglichen, und angeblich brachte das „scheußliche“ Haus sogar den Kaiser dazu, die Fenster der Hofburg verhängen zu lassen, um es nicht mehr sehen zu müssen. Eine Welle der Entrüstung schlug seinerzeit über dem Gebäude am Michaelerplatz 3 zusammen, das ein gewisser Adolf Loos im Auftrag Leopold Goldmanns als Geschäftsgebäude für das Nobelgeschäft Goldman & Salatsch 1912 endlich fertigstellen konnte.

 

Kochende Gemüter

Nicht ganz 80 Jahre später kochten die Gemüter wieder über, als das „berühmteste Eckhaus der Nation“ am Stephansplatz gebaut wurde – mit dem Baustil Hans Holleins konnten sich ähnlich wenige Wiener spontan anfreunden wie mit jenem von Adolfs Loos. Heute ist die Reputation beider wiederhergestellt, Loos' Bauwerk gilt inzwischen als Ikone der Moderne und auch Holleins Haas-Haus ganz selbstverständlich zum modernen Wien. Denn bei aller Liebe zur Erhaltung der historischen Substanz braucht es ab und an auch zeitgenössische Projekte, wenn eine Stadt nicht zum Freilichtmuseum werden soll. Was in Wien – nicht nur aufgrund des Welterbestatus – besonderes Fingerspitzengefühl erfordert, wie auch jene Entwickler wissen, die in der jüngeren Vergangenheit im ersten Bezirk Luxusprojekte modern gebaut beziehungsweise entwickelt haben.

„Jede Zeit hat ihre Ausreißer, und es braucht – natürlich in Absprache mit der Stadt – auch den Mut, mit der Zeit zu gehen“, ist Martin Müller, Geschäftsführer von JP Immobilien, überzeugt. „Das haben schon die Architekten der Gründerzeit gemacht, die jede Menge Biedermeierhäuser abgerissen haben.“ Was dem Entwickler natürlich niemals in den Sinn käme, und so hat JP Immobilien mit dem No.10 in der Renngasse und dem Kayser am Franz-Josefs-Kai zwei Häusern aus den 1950er- Jahren ein ganz neues Gesicht gegeben. Derzeit baut man an der Rechten Wienzeile das neue Hotel Indigo mit einer spektakulären Lochflächen-Fassade. „Dafür haben wir sowohl von einigen Anrainern als auch der MA 19 großes Lob bekommen – aber genauso viele Beschimpfungen von anderen“, berichtet Müller.

 

MA 19 redet mit

Denn die MA 19 hat bei Bestandslücken und dem Abbruch beziehungsweise Umbau von Nachkriegsbauten ein gewichtiges Wort mitzureden – zumindest beim Äußeren. „Rechtlich gesehen geht es dabei um die Erhaltung der Schutzzonen und den Ensembleschutz“, erklärt Franz Kobermaier, Leiter der MA 19 für Architektur und Stadtgestaltung. „Seit den 1980er-Jahren ist es möglich, zeitgemäße Bauten zu integrieren – das Haas-Haus ist ein gutes Beispiel dafür“, so der Magistratsbeamte. Ziel sei dabei aber in der überwiegenden Zahl der Fälle der Erhalt, nur in Ausnahmen dürfen Abbrüche gemacht werden. „Das war beispielsweise bei der Renngasse möglich, weil es sich dort um ein schmuckloses Nachkriegsgebäude handelte“, erklärt er die Ausnahme für das No.10.

Unabhängig von der Frage, ob ein Nachkriegsgebäude abgerissen oder revitalisiert wird: Ins Stadtbild müssen auch die nachfolgenden Gebäude oder neuen Fassaden passen. „Da geht es um die Integration. Es ist wichtig, Linien aufzunehmen, etwa bei den Gesimsen, Dachkanten, den Sockeln oder Dachzonen“, betont Kobermaier. Diese Linien der Umgebung sollten sich auch in der zeitgemäßen Ausformung widerspiegeln. „Da verlangen wir in der Einreichungsphase genaue Details, etwa zur Fassade, um zu verhindern, dass dann im Bau dort Einsparungen stattfinden“, fügt er hinzu.

 

Gewissen der Stadt

Sobald die Einreichungen vorliegen und von der MA 19 für gut befunden wurden, werden sie noch einem Fachbeirat vorgelegt, ehe die Genehmigung erteilt wird. „Das dient der Qualitätssicherung“, unterstreicht er, „denn auch wenn wir uns als eine Art ,Gewissen der Stadt‘ verstehen, wollen wie besonders vor dem Hintergrund des Welterbes ebenso externe Expertise einholen.“ Geschätzt werden dabei Investoren, die bereit sind, einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, „weil damit sichergestellt ist, dass die Einreichenden sich tatsächlich viele Gedanken über die Integration gemacht haben“, so Kobermaier.
Was JP Immobilien beispielsweise beim No.10 gemacht hat. Hier kamen letztendlich die dänischen 3XN-Architekten zum Zug, die das beste Konzept hierfür vorlegen konnten. „Wichtig ist, eine Brücke zu dem zu bauen, was drumherum ist, und das neu zu interpretieren. Deshalb sind die Architekten in der Renngasse herumgegangen und haben sich genau die Farben der Umgebung angeschaut, die sich jetzt in der Fassade des No.10 spiegeln, ohne etwas zu imitieren“, berichtet Müller. Ein Zugang, dem auch Kobermaier ein gutes Zeugnis ausstellt: „Das hat 3XN wirklich gut gemacht. Das Haus ist auffällig, aber nicht störend. Weil es hochwertig gemacht ist, ist es auch gut annehmbar.“

In der Hochwertigkeit liegt für Müller überhaupt das Geheimnis für erfolgreiche zeitgenössische Projekte. „Wir müssen uns vom billigen Bauen trennen und den Mut haben, in Qualität und Material zu investieren, denn wir haben eine Verantwortung“, meint der Makler und Entwickler. „Da sollte man schon bereit sein, für eine gescheite Fassade auch einmal 250.000 Euro in die Hand zu nehmen. Denn es wird auch extrem viel Mist gebaut. Wenn etwa eine Regenrinne gerade an der Fassade heruntergeht, kann man das nur noch ein Trauerspiel nennen“, findet er deutliche Worte.

Auf der anderen Seite finden sich aber viele gelungene Beispiele, über die sich Kobermaier freut. „Ein historisches Beispiel ist etwa das Juridicum“, erinnert er, „auch das Bene-Gebäude an der Neutorgasse wurde dort sehr sauber hineingesetzt.“ Ebenfalls positive Beispiele sind für ihn das K47 am Franz-Josefs-Kai, wo vorher ein Stahlbetonbau war, und das Hotel Topazz am Lichtensteg mit seinen ovalen Fenstern. „Es braucht eben auch Mut zur Moderne“, betont Müller. „Und niemand weiß, welches der jetzigen Projekte in 100 Jahren das neue Hosenträgerhaus sein wird.“ 

MODERNE IN DER ALTSTADT

Vom Looshaus am Michaelerplatz bis zum Haas-Haus am Stephansplatz: Was heute als architektonische Ikone gilt, war einst für viele ein Schandfleck inmitten der Gründerzeitpracht. Auch heute rufen moderne Gebäude in der Innenstadt oft noch kritische Anwohner auf den Plan. Die MA 19 und immer öfter auch die Entwickler achten aber darauf, dass die neuen Bauten hochwertig sind und in die Umgebung passen, ohne sie allzu sehr zu imitieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2021)