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Thomas Schwab ist Bürgermeister von Gramatneusiedl. Die Geschichte von Marienthal kennt er auch aus Erzählungen seiner Großmutter.
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Geschichte und Gegenwart

In Marienthal haben heute alle Arbeit

Die Arbeitersiedlung von Gramatneusiedl erreichte durch die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ weltweite Bekanntheit. Einmal mehr macht Marienthal Schlagzeilen: Die Langzeitarbeitslosigkeit wurde in einem weltweit einzigartigen Experiment abgeschafft.

Marienthal ist ein kleines Fabriksdorf an der Fischa-Dagnitz im Steinfeld. Man erreicht die nächstgelegene Eisenbahnstation Gramatneusiedl von Wien aus mit der Ostbahn in fünfunddreißig Minuten und wandert dann noch etwa eine halbe Stunde in das völlig flache Land hinein.“ So liest sich der Auftakt zur Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“, die, 1933 erstmals publiziert, die Arbeitersiedlung südlich von Wien zu weltweiter Bekanntheit brachte. Flach ist das Land immer noch, auch die Fahrzeit blieb etwa gleich. Die berüchtigte Arbeitersiedlung wird immer noch bewohnt, wegen des Denkmalschutzes hat die Gemeinde ihre liebe Not mit der Revitalisierung. Gramatneusiedl ist heute eine durchschnittliche österreichische Gemeinde mit durchschnittlichen Problemen. Und wird doch immer wieder zum Schauplatz internationaler Berichterstattung.

Die ehemalige Arbeiterkolonie ist auch heute bewohnt.
Die Presse/Clemens Fabry

Im Jahr 1931 quartierte sich ein junges Team an Sozialwissenschaftern um Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld in Marienthal ein, um das „arbeitslose Dorf“ zu untersuchen. Nachdem 1930 die örtliche Textilfabrik mit zuletzt noch 1300 Arbeitern endgültig zusperrte, rutschte eine ganze Dorfgemeinschaft in die Arbeitslosigkeit. Mit der gewonnenen Zeit konnten die Menschen nichts anfangen, Hoffnungslosigkeit breitete sich aus. Als „das gleichmütig erwartungslose Dahinleben“ beschrieben es die Forscher. An die Stelle der regen Gemeinschaft trat allgemeine Ermüdung und Resignation. „Das war ein Leben in Marienthal; jetzt ist alles tot im Vergleich“, wird ein Bewohner zitiert. Auf die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung alle zwei Wochen freute man sich wie auf ein Fest: Einmal bekommen die Kinder ordentliche Schuljausen statt trockenen Brotes oder gar nichts. Doch nach einer Weile wurde man „ausgesteuert“, verlor jede Unterstützung. Fortan lebten die Betroffenen von der sprichwörtlichen Hand im Mund. Gegessen wurden freilaufende Hunde und Katzen oder vom Feld gestohlene Kohlköpfe. Die Stimmung war geprägt von Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit, unter Kindern wie Erwachsenen, man arrangierte sich mit der tragischen Situation. Ihr Eindruck sei der einer „als Ganzes resignierten Gemeinschaft, die zwar die Ordnung der Gegenwart aufrechterhält, aber die Beziehung zur Zukunft verloren hat“, schrieben die Forscher.