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John C.Reilly: "Ich mache Sit-down-Comedy!"

(c) AP (MICHEL SPINGLER)
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Der vielseitige Hollywood-Schauspieler ist bei der Viennale im Film Cyrus zu sehen. Der Presse erzählte er über Witz und Wahrheit, Drehbücher und TV-Talkshows, und einen Kurzfilm, in dem er Nikola Tesla spielt.

Die Presse: In „Cyrus“ spielen Sie einen Mann, der nicht verwunden hat, dass er von seiner Frau verlassen wurde. Gleich zu Anfang kommt die Ex in seine Wohnung – und erwischt ihn beim Masturbieren.

John C.Reilly: Ja, das ist doch eine überzeugende Art darzustellen, dass er am absoluten Tiefpunkt angelangt ist! Dann lernt er eine Neue kennen, aber sie hat eine unkonventionelle Beziehung zu ihrem Sohn, und es bricht ein Kleinkrieg aus... Ich bin sehr stolz auf den Film. Ich musste emotional viel von mir selbst einbringen, auch weil strikt improvisiert wurde. Vor zehn Jahren hätte ich die Rolle nicht so spielen können. Ich mag ihre Reife: Endlich einmal nicht ein „Man Child“ spielen, sondern jemand in meinem Alter, mit den Narben des Lebens.

Improvisation ist ja das Markenzeichen der Duplass-Brüder, Ihrer Regisseure. Aber in Ihren Erfolgskomödien von Adam McKay mit Will Ferrell, wie etwa „Talladega Nights“, haben Sie auch viel auf Improvisation gesetzt. War das eine gute Vorbereitung?

Ja, seither habe ich die Nerven dafür. Davor hatte ich schon Dutzende Filme gemacht, in denen ich ein wenig improvisiert hatte. Regisseure schmücken sich zwar gern mit der Autorenzeile „un film de...“, aber in Wahrheit ist jeder Film maßgeschneidert. Da steht zum Beispiel im Drehbuch: Die Szene spielt in einem runden Raum. Du kommst am Drehort an: Der Raum ist rechteckig! Man muss sich eben anpassen. Natürlich gilt noch immer: Das letzte Wort beim Film hat stets der Regisseur. Du bist in seinen Händen – und seiner Gnade ausgeliefert. Aber die Komödien mit Will und Adam haben mir erlaubt, meine eigene Stimme zu finden – unabhängig von dem, was im Skript steht. Zum Glück: Für „Cyrus“ brauchte ich gute Nerven! Wir bekamen zwar ein Drehbuch – aber vor dem Drehen die Anweisung: „Sagt kein Wort davon! Ihr wisst, in welche Richtung das geht. Findet eure eigenen Worte.“

 

Sie wechseln viel zwischen Komödie und Tragödie, auch „Cyrus“ balanciert dazwischen. Sehen Sie einen fundamentalen Unterschied?

Nein, auf jedem Begräbnis hört man auch Lachen, und bei jeder Geburtstagsfeier weint irgendwer. So ist das Leben: Dem versuche ich mich, möglichst genau anzunähern. Natürlich schmückt man beim Spielen aus, macht die Dinge überlebensgroß. Filme, die sich als realistisch deklarieren und dann nur grenzenlose Traurigkeit servieren, ertrage ich nicht – das ist nicht ehrlich. Das Leben hält man nur aus, wenn man es mit Humor sieht. Andererseits steckt hinter jedem Witz eine Wahrheit, die oft gar nicht so lustig ist. Dass ich vor allem als komödiantischer Schauspieler gelte, liegt ja nicht an meinen Komödien, sondern an meinen Fernsehauftritten. Wenn man Gast bei einer TV-Talkshow ist, dann muss man wie ein Stand-up-Komiker auftreten. Ich nenne es Sit-down-Comedy! Man muss für Entertainment sorgen, wie ein Bonvivant auftreten, egal, ob man so ist oder nicht. Man sitzt auf dem heißen Stuhl und muss etwas Interessantes sagen. Das Traurige daran ist: Mehr Leute haben mich in der „Tonight Show“ gesehen als in allen meinen Filmen zusammen! Also sagen sie: Hey, das ist der Kerl, der bei Jay Leno diese tolle Geschichte erzählt hat. Aber das ist in Ordnung, solange ich weitermachen kann, was ich will.

 

Was machen Sie denn als Nächstes?

Eine Independent-Komödie mit Anne Heche und ein echt hartes Drama mit Tilda Swinton. Zwei gegensätzlichere Projekte sind kaum denkbar. Wenn ich eine magische Formel habe, dann die: Überrasche sie alle! Wenn sie glauben, dich festgelegt zu haben, musst du ihnen durch die Finger schlüpfen. So hat man eine lange Karriere. Obwohl ich mir manchmal wünsche, so zu sein wie der Schlag von Schauspielern, die herausfinden, wie sie das Publikum gerne sieht und das dann ein Leben lang machen. Das wäre zwar etwas fad, aber es gäbe mir das Gefühl von Stabilität im Beruf.

 

Sie schätzen aber auch seltsame Kleinprojekte – wie der doch sehr verrückte Kurzfilm, in dem Sie Nikola Tesla spielen.

Ja, für eine Reihe namens „Drunk History“. Der Name ist Konzept: Die Macher lassen Privatexperten über ein historisches Thema vortragen. Nur machen sie ihn vorher sturzbetrunken! Es gab schon Episoden über Thomas Jefferson, Abraham Lincoln oder Benjamin Franklins Entdeckung der Elektrizität. Bei mir ging es um die Beziehung zwischen Tesla und Thomas Edison. Sie ließen einen Typen einen Liter Absinth trinken und dann über Tesla erzählen. Was er sagte, stimmte auch alles; man lernt dabei wirklich etwas über Geschichte – von Betrunkenen! Als er einen Streit beschreibt, in dem Tesla sagt: „Hey Edison, du bist ein Idiot!“, wird umgeschnitten – auf mich im Kostüm, wie ich versuche, den Satz des Betrunkenen nachzusprechen. Alle Episoden enden damit, dass der arme Trinker kotzen muss oder nicht mehr weiter weiß. Die Geschichte findet kein Ende.

 

Auch in der surrealen Serie „Tim and Eric“ haben Sie eine regelmäßige Gastrolle: als unfähiger Doktor Steve Brule, der eine sehr seltsame Amateurshow abzieht.

Ja, und was wirklich seltsam dabei ist: Ich habe mein Leben lang Filme gemacht und Theater gespielt. Aber in Amerika kennen mich alle Leute unter 20Jahren eigentlich nur als diesen Dummkopf, den ich aus einem Jux heraus gespielt habe!

Der Hollywood-Schauspieler und sein neuester Film

John C. Reilly (*1965, Chicago) gilt als einer der vielseitigsten und versiertesten Charakterdarsteller Hollywoods: Das hat ihm immer wieder Vergleiche mit Gene Hackman eingetragen. Seine Filmkarriere begann 1989 in Brian De Palmas „Die Verdammten des Krieges“, er spielte u.a. bei Tony Scott, Terence Malick, Sam Raimi, Martin Scorsese, Robert Altman und immer wieder für Paul Thomas Anderson. Vor allem seit seinem Auftritt im Oscar-Musical „Chicago“ ist der manchmal auch als Musiker tätige Reilly mit Rollen in Komödien aufgefallen, insbesondere durch seine Arbeiten gemeinsam mit Comedy-Star Will Ferrell sowie Regisseur Adam McKay: „Talladega Nights“ (2006), „Step Brothers“ (2008).

„Cyrus“ bei der Viennale: 27.10., 20.30Uhr, Gartenbau, 28.10., 23.30Uhr, Künstlerhaus, 2.11., 6.30Uhr, Künstlerhaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2010)