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Ski-Film

Franz Klammer als Ski-Idol ohne Kanten

Klammer
Im gelben BMW zum Olympia-Rummel: Julian Waldner als 22-jähriger Franz Klammer.epo/Samsara/Christoph Thanhoffer
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„Klammer“ erzählt, wie Österreichs große Ski-Legende vor dem Olympiasieg 1976 nach der „Ideallinie“ suchte – auf der Piste und abseits. Ein nostalgisches Heldendenkmal, jetzt im Kino.

Eine der beliebtesten österreichischen Heldensagen wurde in 0,33 Sekunden besiegelt. Genauer gesagt: In 0,33 Nicht-Sekunden. Die Drittelsekunde, die Franz Klammer am 5. Februar 1976 am Innsbrucker Patscherkofel schneller war als sein großer Konkurrent, der Schweizer Bernhard Russi, bescherte ihm die Goldmedaille in der Olympia-Abfahrt. Und Millionen Österreichern vor den Fernsehbildschirmen Seelenfrieden: Hatte er also doch gewonnen, der liebe 22-jährige Kärntnerbub, der nicht verlieren durfte. Nicht nach den Sensationssiegen der vorigen Saison, nicht nach dem medialen Trommelwirbel („Warum unser Franz Klammer gewinnen wird“, hatte die „Kronen Zeitung“ getitelt) und nicht „auf unserem Berg“.

„Auf unserem Berg“, auf österreichischem Boden (auf dem an jenem Tag freilich herbeigekarrter italienischer Schnee lag) habe er gefälligst der Schnellste zu sein: So klingen im neuen Kinofilm „Klammer – Chasing the Line“ die Erwartungen, die auf den Skifahrer einprasseln. Der österreichische Regisseur Andreas Schmied („Love Machine“) liefert eine leicht fiktionalisierte, nostalgisch aufgeladene Erzählung der Ereignisse im olympischen Dorf in den Tagen vor der Abfahrt, in denen Klammer (gespielt von einem sympathischen Julian Waldner) sich auf den großen Moment vorbereitet.

Schmied und seine Drehbuch-Ko-Autorin, seine Frau Elisabeth Schmied, setzen dabei im Grunde ein Denkmal für einen Ski-Heiligen, dem sie keine Ecken und Kanten zu verleihen wagen. Er ist ein freundlicher Kerl ohne Allüren, der einfach nur Skifahren will. Ein netter, Schmäh führender Naturbursche, der am Telefon sanft mit seiner Freundin, der Medizinstudentin Eva (Valerie Huber) turtelt, und der sogar die cholerischen Anfälle seines Trainers gleichmütig erträgt. Während seine Teamkollegen den Schnaps aus ihren Sporttaschen packen, schüttelt er lächelnd den Kopf: Vor dem Wettkampf nur Frucade! Ein durch und durch sauberes Idol, der bravste Frauenschwarm der Skikurs-Party: Das passt zum Mythos von Klammer, der die Filmproduktion nicht nur abgesegnet, sondern auch beratend begleitet hat – was ihn als Filmfigur aber nicht unbedingt interessanter macht.

Böser Ski-Bauer, guter „Krone“-Reporter

Seine Heldenhaftigkeit wird hier auch nicht durch Konfrontationen mit seinen Rivalen und Widersachern, sondern durch seine persönliche Integrität begründet. Klammers eigentlicher Gegner ist kein anderer Skifahrer, sondern der mentale Druck, der auf ihm lastet. Diesen muss er bezwingen und sozusagen im doppelten Sinne – auf der Piste und abseits – seine persönliche „Ideallinie“ finden. Der Ausdruck fällt oft im Film, der sich sonst mit Ski-Sprache ziemlich zurückhält.

Einen Bösewicht gibt's dennoch: Skifabrikant Pepi Fischer, ein diabolischer Alpen-Zampano im Pelzmantel (sichtlich ironisch verkörpert von Robert Reinagl) will durch Klammers bevorstehenden Triumph auch seine neue Produktkreation vermarkten. Er droht dem Sportler unverhohlen: Von der Skiindustrie leben so viele Menschen, die wolle er doch nicht gefährden! Also soll er den „Lochski“ fahren, ein neues Wunder an Leichtigkeit, das Klammer im Training aber gar nicht behagt: „Wia a Kas!“, entfährt es ihm entsetzt. Auch die goldenen Skianzüge, die man für ihn ausgewählt hat, entsprechen nicht seinem Geschmack („Des is a Ganzkörper-Blausiegel“).

Natürlich gibt es noch andere tadellos gute Figuren in dieser Geschichte. Eine besondere Heldentat vollbringt der „Krone“-Reporter Heinz Prüller (Harry Lampl), der als selbstloser Kumpel gezeichnet wird, was wohl auch die heutige Sportredaktion freuen dürfte. Den Mut, sich selbst treu zu bleiben, findet Klammer letztlich dank seiner Freundin – in einer (historisch unrichtigen) Wendung, die an Klischeehaftigkeit schwer zu überbieten ist. All das passiert in einem Setting, das ein wahres Nostalgiefest ist. Eine üppige Ausstattung – Autos, Schreibmaschinen, Rollkragen – lässt die 1970er in all ihrer satten Pracht erstrahlen.

Daneben trägt Schmied dick auf, vom Blutdruckdrama der Mutter, die die nervenzerfetzenden Auftritte des Sohnemanns im Gaststuben-Fernseher nur strickend erträgt, bis zum finalen Rennen, wo die ganze Trickkiste ausgeleert wird: dröhnende Musik, Zeitlupe, Nahaufnahmen von Klammers Augen durch die Skibrille. Wie sich im entscheidenden Moment eine riskante, nie trainierte Linie als die ideale erweist, wird wohl eher Sport- denn Filmgeschichte bleiben.


[RX0A6]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2021)