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100. Geburtstag

Ilse Aichinger: Worte, so hart wie Glas

Ilse Aichinger setzt ohne das winzigste Zögern einen Schritt hinter den andern, gegen jedes Prinzip von Ursache, Wirkung, Logik, gegen den Uhrzeigersinn. Zum 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin.

Manche Zufälle verführen dazu, an Vorsehung zu glauben, weil sie zum Beispiel, wie man sagt, Steine ins Rollen bringen. Zwischen Ilse Aichinger und mir gab es kaum Berührungspunkte. Aber nach Tagen des Grübelns zeigte sich das Geringe in einem helleren Licht. Schon die erste Begegnung, die mehr ein Anstreifen war und bald ins Vergessen rückte, erschien auf einmal bedeutend, eigentlich schicksalhaft. Immer deutlicher sah ich alle meine Geschichten, insbesondere „Nil“, als Fortschreibung der Erzählung, die in jener Begegnung wohl ihren Anfang nahm – während der Deutschmatura.

Die Aufgabenstellung des Themas, das ich wählte, lautete: „Siddharta erkennt am Ende seiner Reise den Fluss zwar als Symbol für unaufhaltsame Entwicklung und Wandlung, sieht in ihm aber auch die Wiederkehr des ewig Gleichen. Gestalte das Bild vom ,Fluss des Lebens‘ nach dem Muster von Ilse Aichingers ,Spiegelgeschichte‘“.

All die Jahre am Stiftsgymnasium war mir vieles vom Durchgenommenen höchstens so weit zu Bewusstsein gekommen, dass es bei Prüfungen reichte, Fakten und Vermutung listig zusammenzureimen, das dünne Gerippe des Wissens in üppige Worte zu kleiden. Die Zeit in der Schule schien großteils vertan. So schaute ich die meiste Zeit des Unterrichts aus dem Fenster auf die riesigen Bäume des Stiftparks, auf denen sich hin und wieder Krähenschwärme niederließen, oder kritzelte Textminiaturen und Zeichnungen in meine Hefte, bemüht, es so aussehen zu lassen, als schriebe ich mit, was man uns Schülern diktierte. Jedenfalls ging das so, bis mich der Professor im Geografieunterricht in flagranti erwischte. Wortlos nahm er mein Heft, nur um Sekunden später laut daraus vorzulesen. Und als er mich anschließend prüfte und ich ihm unerwartet sämtliche Klimagebiete und Flüsse Asiens nannte, fiel mir am Ende ein: Er würde mir nie verzeihen, dieses eine Mal gründlich gelernt zu haben.

Ob es der Zufall wollte, dass man ausgerechnet ihm die Aufsicht während unserer Deutschmatura übertrug? Sicher sah er mir an, dass ich, wie fast immer gänzlich unvorbereitet, wieder im Dunkeln tappte, aber, auch das nicht neu, wild entschlossen zum Blenden war, oder sagen wir so: dazu, fehlendes Wissen aus dem Dunkel heraus umständlich vorzuspiegeln. Ha, die „Spiegelgeschichte“! Schon durch die Wahl des Themas machte ich mich verdächtig. Dabei war sie zunächst bloß dem Umstand geschuldet, von Bertha von Suttner (Thema Nr. 1) mit meinen während des Unterrichts überwiegend auf Durchzug gestellten Ohren genau so wenig gehört zu haben wie von Ilse Aichinger und mit Albert Camus' Mythos des Sisyphos (Thema Nr. 3) erst recht nichts anfangen zu können. Hermann Hesse aber! Nicht, dass ich gelesen hätte, was man als Stiftsgymnasiast von ihm zu lesen hatte. Aber ich hielt ihm zugute, Autor des Buchs zu sein, dem eine verwegene Rockband, die ich damals verehrte, ihren Namen verdankte.

Außerdem klang es nicht übel, einen Fluss zu beschreiben, der gegen die Richtung fließt, die ihm das Gesetz der Natur eigentlich aufdrängen wollte. Mein Leben war durch den Tod meines Freunds jäh ins Stocken geraten, und dass das Leben der anderen seinen gewohnten Lauf nahm, erweckte erst recht den Eindruck, auf der Strecke zu bleiben, ja sogar rückwärts zu gehen. Zwar hatte ich keine Kraft für zukunftsgerichtete Schritte, aber entgegengesetzt schien jede Bewegung möglich. Augenblicks kam ich in Fluss, schrieb wie vom Teufel besessen, während der Kontrolleur auf meine Finger schaute und Seufzer zur Hölle schickte, als ließe sich der Schwindel, den er mir zwar ansehen, aber nicht nachweisen konnte, auf Umwegen geltend machen, indem er mich verwirrte.

Fünf oder sechs Jahre später, ich studierte in Wien und vertrieb mir die Nächte mit dem Verfassen von Texten, die ich am Morgen verbrannte, fiel mir ein Interview Iris Radischs mit Ilse Aichinger in die Hände. Sie, wie ich Kind einer Ärztin und am Versuch gescheitert, ebenfalls Ärztin zu werden, hat mich mit einem Satz mit dem Kritzeln versöhnt, ja buchstäblich gerettet: Schreiben ist kein Beruf. Werde sie danach gefragt, sage sie bloß „privat“. Erstmals empfand ich das Recht auf eine Nebensache, die in Ernst und Bedeutung, und sei es auch nur für mich, jeden Beruf überträfe. Von einer, die so etwas sagte, obwohl sie ihr Bekanntsein nur dem Schreiben verdankte, wollte ich alles wissen – und alles erschloss sich mir in ihrer „Spiegelgeschichte“: Die Freiheit und Pflicht des Schreibers, das Schicksal selbst zu bestimmen, gegen Natur und Gesetz, ohne Anspruch auf Wahrheit, ohne moralische Schranke: Eine gestorbene Frau kriegt ihr noch junges Leben im schnellen Rücklauf zurück. Das war die Offenbarung!