Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Filmkritik

"Eternals": Unsterbliche haben es schwer

ETERNALS
Lauren Ridloff als Makkari, eine der „Eternals“.(c) Marvel (Sophie Mutevelian)
  • Drucken

„Eternals“ soll Marvel-Superhelden zukunftsfit machen. Am Regiepult: Oscar-Gewinnerin Chloé Zhao („Nomadland“). Eine faszinierende Enttäuschung.

Im Katalog der Dinge, die man sich von einem Superheldenblockbuster erwartet, steht der Anblick eines Atompilzes sicher nicht an erster Stelle. Doch in „Eternals“, dem jüngsten Beitrag zum multimedialen, milliardenschweren Marvel-Unterhaltungsimperium, bekommt man einen ebensolchen bildfüllend vor den Latz geknallt. Ein übernatürlicher Heros ringt die Hände in den Ruinen Hiroshimas: Wie konnte es die Menschheit nur so weit kommen lassen? Wer soll da noch Vertrauen fassen zu dieser schändlichen Spezies?

Eine Szene, die man im globalen Kassenschlagerkontext durchaus gewagt nennen darf: Davon zeugen verunsicherte US-Kritiken des Films (der heute in Österreich anläuft) ebenso wie pikierte Reaktionen in sozialen Medien. An sich ein Grund zur Freude: Wenn man dem „Marvel Cinematic Universe“ etwas wünscht, dann ist es mehr Wagemut. Als sich das seit über zehn Jahren lukrativ dahinschnurrende Endlos-Heldenepos 2019 endlich in Klausur begab, war es längst in ermüdenden Spektakelformeln und Erzählroutinen eingerastet.

Da ließ man sich gern begeistern, als Disneys Zentralkomitee Chloé Zhao für den Neustart seiner Supersaga auserkor. Nicht nur, weil die 39-Jährige mit ihrem naturalistischen Roadmovie „Nomadland“ in Venedig und bei den Oscars abgeräumt hat. Nicht nur, weil ihr Siegerfilm zu einem der prominentesten und vieldiskutiertesten Arthaus-Titel der letzten Jahre avanciert ist. Sondern vor allem, weil Zhao eine genuine ästhetische Haltung vertritt, die konträr zur glatten Fließband-Fantastik Marvels steht. Und weil sich diese Haltung – so die Hoffnung – bestimmt auch in einem Großbudget-Auftragswerk durchsetzen würde.

Weltschmerz und Schöpfungsweh

Allein! Es hat nicht sollen sein. Und hätte wohl auch an ein Wunder gegrenzt, wäre es Zhao wirklich gelungen, den modernen Superheldenfilm mit einem Streich von seinen kommerziellen Banden zu lösen. Immerhin: „Eternals“ ist der mit Abstand interessanteste Marvel-Film seit gefühlten Ewigkeiten. Das beginnt bereits beim mythologisch durchwirkten Konzept, ersonnen in den 1970er-Jahren von Comic-Künstler Jack Kirby. Der Titelheldentrupp ist hier eine Art Göttergemeinschaft: Im Auftrag von rötlich schimmernden Sternentitanen wacht er seit Jahrmillionen über Gedeih und Verderb unseres Erdenrunds. Dabei ist es den Übermenschen untersagt, in die Geschicke des Planeten einzugreifen. Ganz schön schwer, wenn man im Laufe der Äonen Gefühle für das irdische Gewusel entwickelt hat – und an dessen Zukunft glaubt. Da sind Zweifel nicht weit: an sich, an den Schützlingen, an der Mission.

„Eternals“ scheut sich nicht vor Existenzphilosophie und Metaphysik, entwirft gar eine eigene Schöpfungsgeschichte – und bietet sie mithilfe von überwältigenden Digitaleffekten dar. Zhao ist erklärter Fan der Filme Terrence Malicks; die Genesis–Sequenzen seiner Kinohymne „Tree of Life“ lassen hier im Fantasy-Gewand grüßen, Dinosaurier inklusive. Zugleich verweist die Zeugenschaft der Eternals bei großen Verwerfungen des Menschengeschlechts – von Auseinandersetzungen in Mesopotamien um 5000 v. Chr. bis zum Einmarsch der Spanier in Tenochtitlan um 1520 – auf die Historizität jüngerer sozialer Konflikte. Sowie auf den Horror der Wiederholung von (Kriegs-)Katastrophen, dem die „Zeitlosen“ erbauliche Mythenbildung entgegensetzen. Ihre Namen (darunter: Gilgamesh und Ikaris) werden zu Legenden. Doch wer trägt am Ende die Schuld am unablässigen Weltenbrand? Etwa die grimmigen „Deviants“, Ungeheuer aus buntem Fasergeflecht? Ein Saboteur aus den eigenen Reihen? Oder das System der Alien-Helden selbst?

Dass „Eternals“ etliche politische und existenzielle Fragen aufwirft, ohne diese eindeutig zu beantworten, ist erstaunlich. Auch in puncto Diversität setzt der Film neue Maßstäbe, nicht bloße Feigenblätter: Abseits von Angelina Jolie und Salma Hayek in Mentorenrollen verzichtet der Ensemble-Fleckerlteppich auf Superstars. Leider ändert das alles nichts daran, das sich Zhaos weltumspannende Erzählambitionen nicht mit den Anforderung des Blockbuster-Mediums in Einklang bringen lassen.
Dieses fordert immer noch augenzwinkerndes Gewitzel, das sich mit der Tragweite der Handlung (und den Talenten einiger Darsteller) spießt. Es lässt Erklärdialoge ausufern – was die dramatische Energie im Zuge von knappen drei Stunden Filmlaufzeit immer mehr retardiert. Und es erstickt die Bemühung des Films, seiner Kunstwelt mit lichten Landschaftsbildern etwas Leinwandleben einzuhauchen, mit untoter Kühle digitaler Kulissen. Vielleicht können die Transhumanisten der Zukunft darüber hinwegsehen, uns geht es wie einer charmanten „Eternals“-Nebenfigur: „Ich bin ein Mensch, und daher ein bisschen voreingenommen.“