Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

EU-Streit um die Farbe auf der Haut

APA/AFP/FREDERIC J. BROWN
  • Drucken

Laut Verordnung treten ab Jänner neue Regeln für Tattoofarben in Kraft. Die Branche setzt sich zur Wehr.

Über 122.000 Unterschriften haben Erich Mähnert und Michael Dirks bereits für ihre Petition „Save the pigments“ gesammelt – und es könnten weit mehr werden. In Brüssel werde derzeit auf „Hochtouren daran gearbeitet, einen Resolutionsantrag im Europäischen Parlament durchzubringen“, erklärt Mähnert, Berufsgruppensprecher der Wiener Tätowierer, auf der eigens eingerichteten Instagram-Seite. Für die Tattoobranche geht es um viel: Denn ab dem 4. Jänner 2022 sollen laut der EU-Chemikalienverordnung „Reach“ neue Richtwerte für Tattoofarben in Kraft treten. Wann und ob es alternative Herstellungsmethoden gibt, ist ungewiss.

4000 Substanzen betroffen

Konkret, so heißt es bei der European Chemicals Agency (Echa), sind etwa 4000 chemische Substanzen betroffen. Sie stehen nunmehr im Verdacht, Hautirritationen bis hin zu lebensbedrohlichen Krankheiten wie Blasenkrebs zu verursachen – sind aber seit Jahrzehnten im Einsatz. Laut Echa gibt es lediglich für die Pigmente „Blau 15:3“ und „Grün 7“ derzeit keine „adäquate  Alternative“. Somit erhalten diese Pigmente einen längeren Übergangszeitraum bis zum endgültigen Verbot – und zwar bis zum Jänner 2023. Für Mähnert und Dirks viel zu kurz. Sie wollen mit der Petition zunächst einen Aufschub erreichen. Hersteller sollen mehr Zeit für die Forschung erhalten, Lieferanten und Tätowierer die vorhandenen Farben noch aufbrauchen können. Denn allein durch das Verbot der beiden Pigmente „Blau 15:3“ und „Grün 7“ wären zwei Drittel aller gängigen Tattoofarben auf dem Markt – und damit wohl über 200 Farbtöne – verboten, warnt die Österreichische Tätowierer und Piercer Vereinigung (ÖTPV).

„Die Gesundheit steht immer an oberster Stelle, aber Verbote müssen verhältnismäßig sein und dürfen eine Branche nicht alternativlos zu Fall bringen“, sagt der ÖVP-Abgeordnete Bernhuber, der im Europäischen Parlament für eine Mehrheit der Petition wirbt. Die Erfolgschancen freilich hängen von verschiedenen Faktoren ab. Bernhuber jedenfalls fordert eine „praxistaugliche Lösung, die auf Wissenschaftlichkeit basiert und die Tattoo-Branche berücksichtigt“.

Große Ungewissheit in der Branche

Während die Chemieagentur Echa nämlich davon ausgeht, dass für alle Farbstoffe, die ab kommendem Jänner verboten sind, Ersatz verfügbar ist, herrscht in der Branche große Ungewissheit. Nicht nur die Umstellung und mögliche Lieferengpässe bereiten den Tattoostudios Sorge: Noch ist völlig unklar, ob die Hersteller überhaupt rechtzeitig Reach-konforme Alternativen anbieten können, heißt es. Gesicherte Informationen fehlen. Die Zeit drängt also.

Sollte nicht rechtzeitig eine Lösung gefunden werden, würden Verbraucher „ins EU-Ausland oder auf nicht offizielle und unseriöse Anbieter ausweichen, die sich an keine Verordnungen halten“, fürchtet Mähnert. „Diese beziehen ihre Tätowiermittel weiterhin ohne jegliche Kontrolle und ohne die Möglichkeit der Rückverfolgung auf Onlineplattformen wie Amazon, Ebay und Co. Somit fördert die Reach-Verordnung die Schwarzarbeit und stellt ein Risiko für Verbraucher dar.“
Geringe Toxizität?
Und nicht nur das. Dirks, selbst Chemieingenieur, zweifelt an der Sinnhaftigkeit des Verbots. Dieses sei „auf Basis einer nicht ausreichenden Datenlage und ohne Einbindung der betroffenen Branche“ verhängt worden, lässt er sich auf der Webseite für die „Save the pigments“-Petition zitieren. So habe das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung vor etwa einem Jahr in einer Stellungnahme veröffentlicht, dass „derzeit verfügbare Daten nur auf eine vergleichsweise geringe Toxizität hinweisen“. Das Institut sehe daher im Gegensatz zur Europäischen Chemikalienagentur aktuell keinen Handlungsbedarf.