Harry Reid, Senatsführer der Demokraten, kämpft in seiner Heimat Nevada gegen Tea-Party-Underdog Sharron Angle ums politische Überleben. Laut Umfragen liegen beide Kopf an Kopf.
Reno. Auf dem Grill brutzeln Würstel und Hamburger, Senf und Ketchup geben als Geschmacksverstärker die pikante Würze – und dazu werden am Rand der Wüste Ressentiments und radikale Meinungen serviert. An die 70 Aktivisten der Republikaner, in der überwiegenden Mehrheit weiße Pensionisten – eine Vorsitzende sogar mit Gehwagerl –, haben sich zu einer Wahlkampfstrategie-Sitzung im Parteilokal des Wahlkreises Washoe County an der Peripherie der Spielerstadt Reno in Nevada getroffen. Hier, an einem Parkplatz vis-à-vis des „Atlantis“, eines gigantischen Casinos, bekommen sie ihre Instruktionen.
Aufmunitioniert und aufgeputscht wollen sie danach in die Vorstädte ausschwärmen, um die Wähler für ihre Kandidatin Sharron Angle zu mobilisieren. Die 61-jährige Waffenliebhaberin, eine Galionsfigur der Tea-Party-Bewegung und zehnfache Großmutter, liefert als Herausforderin dem demokratischen Senatsführer Harry Reid ein hartes Rennen. Laut Umfragen liegen beide Kopf an Kopf, und es wäre keine Sensation, sollte Angle am Abend des 2. November das bessere Ende für sich haben – es wäre eine bittere Schmach für die Regierungspartei.
Macho-Spruch: „Man up“
Dabei hat es Reid eigentlich mit der schwächeren Kandidatin aus den Oppositionsreihen zu tun. Bei der Vorwahl stach Sharron Angle die Favoritin, eine ehemalige Schönheitskönigin, aus. Seit Monaten sorgt sie mit bizarren Äußerungen über die Streichung von Sozialprogrammen für Furore, von den Medien wird sie weitgehend abgeschirmt. Im TV-Duell stach sie den knochentrockenen Reid mit dem Macho-Spruch „Man up, Harry Reid“ – „Steh deinen Mann, Harry Reid“ – aber aus.
Von Barack Obama und Bill Clinton abwärts hat sich die demokratische Elite in die Schlacht für den blassen Technokraten Reid gestürzt, einen Champion des politischen Ränkespiels in Washington und geradezu eine Inkarnation des in den USA derzeit so verhassten Insiders. Der ehemalige Hobby-Boxer und Sohn eines Alkoholikerpaars hat sich mit eiserner Härte in der Hauptstadt hinaufgekämpft und sich als Oberlobbyist für die Casino-Industrie stark gemacht, gilt aber als herzlich unpopulär in seinem Heimatstaat.
„Alles außer Reid“, lautet die Parole seiner beharrlichen Gegner. „Selbst wenn er der letzte Mensch auf Erden wäre, würde ich nicht mit Harry Reid sprechen“ schimpft eine Frau. John Cary etwa, Angestellter eines Pfandleihgeschäfts in Reno, sagt vor dem wohl sortierten Waffenregal von Glock-Pistolen, Jagdgewehren und einem Prunkstück von 10.000 Dollar, das einen Elefanten zu Fall bringen könnte: „Sharron wird Harry Reid den Hintern versohlen. Reid hat es auf unsere Kosten zum Multimillionär gebracht. Er gehört zum Old-Boys-Netzwerk.“ In einem Wahlspot hat Angle enthüllt, dass Reid in Washington in einer Suite des Luxushotels Ritz-Carlton logiert.
Aus John Cary bricht der Zorn, den die Tea Party geschickt kanalisiert. Erst einmal auf Touren gekommen, lässt er der Suada freien Lauf: „Ich hasse die Sozialversicherung. Und Obama ist das Übelste, was dem Land passieren konnte. Er beraubt uns unserer Grundrechte. Ich glaube nicht einmal, dass er in den USA geboren wurde.“ Die „Birther“, die an der rechtmäßigen Geburtsurkunde des Präsidenten zweifeln, machen einen Gutteil der rabiaten Tea-Party-Aktivisten aus.
„Achtung Presse“
Beim Barbecue auf dem Parkplatz trägt einer der Angle-Anhänger sein Credo mit stolzgeschwellter Brust auf dem T-Shirt: „Ich behalte mein Land, meine Freiheit und meine Waffen – und du, Obama, kannst deinen Wandel für dich behalten.“ Mit dem Slogan ist auch schon die Kernaussage der Tea Party umrissen. Weniger Staat und absolute Treue zur Verfassung hat sie auf ihre Banner geschrieben.
„Achtung Presse“, ruft Kim Baccus halb im Ernst, halb im Scherz. „Der ist verrückt“, meint sie beschwichtigend im Vorbeigehen über einen Parteifreund, der die Burger auf dem Grill wendet. Die 60-jährige sportliche Blondine, Frau eines praktischen Arztes mit sonnengegerbter Haut, stellt Reklamematerial für die Kandidaten Angle zusammen. Wie so viele ist die eingefleischte Republikanerin vor eineinhalb Jahren zur Tea-Party-Bewegung gestoßen, als die Regierung ein Rettungspaket für Hausbesitzer, die Opfer ominöser Hypotheken, auflegte. Sie betrachtet sich als Teil jener Mehrheit, die so lange geschwiegen habe und nun umso lauter brüllt.
„Wir wollen den Sozialismus in diesem Land stoppen“, meint sie mit dem kämpferischen Ton einer politischen Missionarin. Obama habe sich mit Marxisten umgeben, schwadroniert sie. „Ich fürchte, dass wir infiltriert werden. Ich bin ja in den 1950er-Jahren aufgewachsen.“ Die äußere Bedrohung, die einst von der Sowjetunion ausging, komme nun aus China. Die Schwarz-Weiß-Schemata des Kalten Kriegs haben Baccus, nicht losgelassen. Aber der Feind sitzt jetzt auch im eigenen Land – in Washington, gut 3000 Meilen entfernt von Reno. In diesem Weltbild firmieren Milliardär George Soros als der üble Kapitalist, der Rupert-Murdoch-Sender Fox News als eine Zitadelle der Aufklärung und Moderator Glenn Beck als Ikone.
An das Partei-Establishment der Republikaner, das sich mit den unorthodoxen Rebellen der Tea Party abmüht, richtet sie eine unverhohlene Warnung: „Wenn es unsere Werte nicht teilt, gründen wir eben eine dritte Partei.“ Freier Markt, starke Verteidigung, sichere Grenzen – so markiert Kim Baccus die Grundpfeiler der Tea-Party-Philosophie.
Darüber kann Karl Olsen nur schmunzeln, der vor der Garage seines Hauses am Honey Ridge Drive gerade die Reifen seines Jeeps wechselt. In der Tea Party wähnt der Anwalt „Elemente von Rassismus“. „Die Politik der Sharron Angle wird nicht funktionieren.“ Reid habe Nevada in Washington ja überhaupt erst auf die Landkarte gesetzt, meint Cathy Marino, Besitzerin einer Hochzeitskapelle in Reno, die auf ihr erstes Paar des Tages wartet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2010)