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Leitartikel

Es ist noch nicht zu spät für eine echte Impfkampagne

Es braucht eine echte Impfkampagne.
Es braucht eine echte Impfkampagne.REUTERS
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Die Pandemie hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Angesichts der Dramatik reicht es jetzt nicht mehr, an kleinen Schräubchen zu drehen.

Nicht bei allen politischen Entscheidungsträgern scheint die Dramatik der derzeitigen Lage wirklich angekommen zu sein. Daher in Kurzfassung: Wir haben jetzt einen Höchstwert an Infektionen im Laufe der Pandemie. Und wir haben einen stark steigenden Trend. Wenn der nicht gebrochen wird – und darauf deutet im Moment gar nichts hin –, werden wir in zwei Wochen nicht 10.000, sondern 30.000 bis 40.000 Neuinfektionen pro Tag haben. Und auch das ist nicht das Ende der Fahnenstange, sofern nicht energisch gegengelenkt wird.

Jetzt auf die noch akzeptable Situation in Spitälern und Intensivstationen zu verweisen, ist schlicht verantwortungslos. Denn das zumindest sollten wir in dieser Pandemie schon gelernt haben: Der Anstieg bei den Intensivpatienten erfolgt mit einer Verzögerung von zwei bis drei Wochen synchron mit dem Anstieg der Infektionszahlen. Ja, die Impfung hat da einen dämpfenden Effekt, alle bisherigen Zahlen zeigen, dass Geimpfte sich weniger infizieren und weniger schwer erkranken. Aber es steht zu befürchten, dass das nicht reichen wird, um das zu vermeiden, was von Anfang an die größte Bedrohung war: ein Kollaps des Gesundheitssystems und die Notwendigkeit, mittels Triagen zu entscheiden, wer noch eine Behandlung bekommt und wer nicht.
In dieser Situation nur an kleinen Schräubchen drehen zu wollen und als schärfste Gegenmaßnahme von Antigen- auf PCR-Tests umzusteigen, weil das der Stufenplan halt so vorsieht, ist lächerlich und verantwortungslos. Denn wenn dann die Kapazitätsgrenzen erreicht sind, ist es für Gegenmaßnahmen zu spät.

Zumindest einer hat das erkannt: der Wiener Bürgermeister, Michael Ludwig, der sich mit seinem schärferen Kurs nicht nur Freunde macht. Wer Ungeimpften den Besuch in der Gastronomie untersagt, kann sehr leicht am Wahltag die Rechnung präsentiert bekommen. Das trotzdem zu machen zeugt von jenem Verantwortungsbewusstsein, über das andernorts nur geredet wird.

Die Bundesregierung ist jetzt zwar dem Wiener Weg gefolgt. Trotzdem muss sie sich für aktuelle Phase der Pandemie Versagen vorwerfen lassen. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein ist als Polit-Neuling ins kalte Wasser geworfen worden und hat noch nicht zu einer klar akzentuierten Rolle gefunden. Gerade das brauchte es aber in der schwersten Pandemie seit hundert Jahren. Und der frühere Bundeskanzler Sebastian Kurz hat überhaupt den schwersten Fehler gemacht, den man in der Situation machen kann: Mit seiner Aussage, die Pandemie sei vorbei, war auch die Impfung auf breiter Basis praktisch beendet. Welcher Impfskeptiker lässt sich schon impfen, wenn es ohnehin keine Gefahr gibt?

Andererseits war ab dem Sommer auch keine echte Impfkampagne mehr erkennbar. Diese aufzusetzen wäre Aufgabe des Gesundheitsministers gewesen, aber auch jene des Ex-Kanzlers, der sich ja immer als oberster Pandemiebekämpfer inszeniert hat. Der Verdacht liegt nahe, dass das nicht stattgefunden hat, um den Wahlsieg der ÖVP in Oberösterreich angesichts vieler Impfgegner nicht zu gefährden. Apropos Impfgegner: Dass die FPÖ jetzt jene Zwangsmaßnahmen beklagt, die sie mit Agitation gegen das Impfen zu einem guten Teil selbst herbeigeführt hat, gehört zu den Absurditäten der politische Debatte.

Jetzt muss also gegengesteuert werden, um die vierte Welle doch noch einzufangen. Ob die am Freitag präsentierten Maßnahmen reichen, wird sich zeigen. Man sollte aber nicht ausschließen, dass doch noch einmal ein allgemeiner Lockdown notwendig sein wird – auch wenn das jetzt noch niemand auszusprechen wagt.

Was es aber auf jeden Fall braucht, ist eine echte Impfkampagne, die sich nicht auf ein paar Inserate beschränkt, sondern die einzelnen Gruppen – von den Jüngeren über die ländliche Bevölkerung bis hin zu Migranten-Communitys – gezielt anspricht. Überzeugte Impfgegner wird man damit nicht gewinnen können, wohl aber die große Gruppe von Skeptikern und schlecht Informierten. Jedenfalls ist es dafür noch nicht zu spät.

E-Mails an: martin.fritzl@diepresse.com