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Der ökonomische Blick

Gebremster Aufschwung: Der holprige Start aus der Corona-Rezession

Frau mit Einkaufswagen
Die Nachfrage ist sehr groß - aber das Angebot stockt.REUTERS
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Fachkräftemangel und Probleme bei den Lieferketten führen dazu, dass die Wirtschaft weniger stark wächst als erhofft.

Seit Anfang des Jahres erholen sich viele Volkswirtschaften von der durch die Pandemie erzwungenen Zurückhaltung des letzten Jahres. Aufgestaute Konsum- und Investitionswünsche werden nachgeholt und Lager wieder aufgefüllt. Dazu kommt die Nachfrage aus den vielen Konjunkturprogrammen, die recht schnell nach Einbruch der Pandemie als Hilfsmaßnahmen beschlossen wurden. Die Nachfrage ist sehr groß und gäbe Raum für eine noch schnellere Erholung. Aber das Angebot stockt. Zwar haben die Lieferketten im Großen und Ganzen gehalten - vom großen Lieferkettenmassaker kann keine Rede sein, aber in einigen Bereichen mangelt es schon an Vor- und Zwischenprodukten. Dazu kommt der Fachkräftemangel. Zwei Folgen sind direkt zu sehen: geringere Veränderungsraten des BIP als erhofft und Inflation.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Inflation und Fachkräftemangel erinnern mich an Helmut Schmidt’s Einschätzung aus den 70er Jahren, dass er mit fünf Prozent Inflation besser leben könne als mit fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Damals glaubte man gestützt auf die Phillips-Kurve, die einen negativen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit zeigt, man könne wählen. Davon haben wir uns verabschiedet, aber Situationen vergleichen kann man trotzdem und da scheint mir das Problem der Arbeitskräfteknappheit, wie wir es jetzt in Europa erleben, weniger schlimm als die hohe Arbeitslosigkeit vergangener Jahre. Aber das „neue“ Problem ist sicher auch noch nicht ausgewachsen und zeigt sich nicht mit all seinen Facetten.

In Österreich deutete sich das Problem bereits ab 2017 also vor der Corona-Rezession an. Wie häufig bringt eine kurzfristige Rezession ein längerfristiges strukturelles Problem zum Vorschein. Die meisten OECD-Länder schrumpfen bezüglich ihrer Einwohnerzahl. Die Arbeitsbevölkerung fällt seit einigen Jahren schon und Wohn- und Erwerbsbevölkerung werden immer älter. Japan ist Vorreiter und ein Blick dorthin kann ganz gut Orientierung geben. Auch in Österreich stehen Pensionierungen geburtenstarker Jahrgänge an. Bildung und Technologie können diese demographische Entwicklung nur teilweise ausgleichen würde ich aus Japans Beispiel (3. Platz Pisa 2015, 5. Platz Timss 2019) lernen.

Der Fachkräftemangel ist fast überall in Europa zu spüren, nicht nur in Großbritannien. Dort ist er besonders ausgeprägt und in dieser drastischen Ausprägung vor allem ein politisch erzeugtes Problem. Darauf weise ich hier nur hin, weil in und nach der Krise wieder über eine größere Rolle der Politik bei der Steuerung der Märkte diskutiert wurde. Diane Cole, Professorin für öffentliche Politik an der Universität von Cambridge, schlägt eine stärkere Kontrolle der Lieferketten durch den Staat vor. Durch welchen Staat bleibt unerwähnt, nach welchen Kriterien auch. Da fällt mir eher Tucholsky ein: „Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten“ (Die Weltbühne, 15.09.1931, Nr. 37). Koordinationsprobleme dieser Art lösen Märkte besser als Staatenlenker oder Administratoren.

Was diesen wiederum keinen Platz im Zuschauerraum zuweist. Einerseits hat Österreich noch ein Stück bis zu japanischen Ergebnissen in den vergleichenden Studien des Bildungserfolgs. Andererseits gibt es andere Herausforderungen an einen wettbewerbsfähigen Standort wie Korruptionsarmut, ein vertrauensvolles gesellschaftliches Klima, ein funktionierendes Gesundheitssystem und staatliche Infrastrukturinvestitionen vor allem in relevanten Bereichen der Netzwerkinfrastruktur. Darüber hinaus ist natürlich auch die Robustheit des wirtschaftlichen Systems ein Standortfaktor. Welche Rolle der Staat oder die Europäische Union dabei spielen kann, muss neu ausdiskutiert werden. Derzeit gelingt es ja nicht einmal bei der Arzneimittelproduktion europäische Standorte in ausreichender Kapazität zu halten. Dabei ist der Markt für Arzneimittel auf verschiedenste Art im Einflussbereich staatlicher Entscheidungen.

Die Corona-Pandemie traf die Weltwirtschaft auf sehr spezielle Weise, weil erstens punktuelle Produktionsausfälle zu punktuellen Engpässen in den Folgestufen der Produktion führen, zweitens der Transportsektor durcheinander kam und mit der weltweit gleichzeitigen „Wiederaufnahme“ des internationalen Handels Kapazitätsengpässe unvermeidlich waren und drittens die chinesische Regierung in einem Strategiewechsel stärker auf nicht-ökonomische Ziele setzte und den Rohstoffabbau reduzierte. Genug Potential also für ein Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage auf den vielen Teilmärkten, die unsere ausdifferenzierte Wirtschaft bilden. Aber genau darin, Angebot und Nachfrage zur Übereinstimmung zu bringen, haben sich Märkte bewährt. Es kann natürlich sein, dass das resultierende Ergebnis sehr breit als verbesserungswürdig und -fähig empfunden wird. Dann kann der Staat natürlich eingreifen und ein anderes Marktergebnis zu erzielen versuchen.

Die beiden derzeit wichtigsten Aufgaben nimmt der Staat aber kaum an. Weder die kurzfristige, die Pandemiebekämpfung, noch die langfristige, den Kampf gegen den Klimawandel. Beides wäre dringend. Bei jetzigen Infektionszahlen (und deren Steigerungen) können wir glücklich sein, nicht nochmals eine Vollbremsung zu erleben. Der holprige Start bekäme viel ausgeprägter.

Der Autor

Jörn Kleinert ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Er arbeitet dort besonders an Themen der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen.​

Jörn Kleinert
Jörn Kleinert

Links:

https://www.spiegel.de/wirtschaft/brexit-krise-in-grossbritannien-britische-busfahrer-wollen-jetzt-lieber-lkw-fahren-a-5d74029a-de6d-4fb7-aeda-0569e571bb97

https://www.derstandard.at/story/2000130625407/weihnachten-ohne-geschenke-das-grosse-lieferkettenmassaker

 

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