Alexander Lukaschenkos zynisches Spiel mit Menschenleben wird nur dann enden, wenn sich die EU nicht mehr treiben lässt, sondern eigene Regeln schreibt.
Es fällt nicht leicht, angesichts der Bilder von der östlichen Außengrenze der EU Optimismus für die künftigen Beziehungen der Europäer zu ihren Nachbarn zu entwickeln. Was Alexander Lukaschenko mit Migranten aus dem Nahen und Mittleren Osten anstellt, die in ihrer Ahnungslosigkeit auf das „Hilfsangebot“ des belarussischen Diktators hereingefallen sind, ist derart jenseitig, dass man seinen Augen nicht trauen will: Verzweifelte Menschen werden wie Figuren in einem außer Rand und Band geratenen Strategiespiel hin und her geschoben – mal zu einem Grenzübergang hier, mal zu einem Loch im Stacheldrahtzaun dort –, während auf der anderen Seite des Spielbretts gepanzerte Hundertschaften aufgeboten werden, um Breschen im Schutzwall zu schließen. In seiner absurden Archaik mutet das Ganze wie der postmoderne Remix einer mittelalterlichen Belagerung an, mit Tränengas statt Weihrauch und Wasserkanonen statt Katapulten.
Die Ausbeutung des Gefälles zwischen dem sicheren und wohlhabenden Westen und dem Rest der Welt ist kein neues Phänomen. Neu ist allerdings, dass Autokraten Flüchtlinge und Migranten als „Human Resource“ entdeckt haben. Anders ausgedrückt: In seiner gewalttätigen Logik treibt das Regime in Minsk bloß eine Entwicklung auf die Spitze, die sich anderswo längst vollzogen hat: am Balkan, vor den Küsten Libyens und der Türkei, entlang des Zauns, der Spaniens nordafrikanische Exklaven von Marokko trennt. Während sich die EU in diesem Migrations-Monopoly Stabilität und Seelenfrieden erkaufen will, spielen die starken Männer in Minsk, Istanbul und Tripolis um Geld und Macht.